Charles W. Oldrieve hieß der Mann, der sich im Winter 1907 daranmachte, aus einer Salonfantasie ein Flussepos zu machen. Was danach geschah, vereinte hartes Training, ausgeklügelte Ausrüstung und ein langes, nervenaufreibendes Rennen gegen die Zeit.
Warum Menschen das Gehen auf dem Wasser noch immer fasziniert
Die Vorstellung wirkt magisch. Tiere können es: Wasserläufer gleiten über Teiche, und manche Geckos bewegen sich mithilfe der Oberflächenspannung fort. Menschen gehen unter, weil ihr Gewicht diese dünne, elastische Haut des Wassers überfordert. Wir brauchen Auftrieb und Halt statt Wunder.
Oldrieve begriff das früh. Er behandelte die Aufgabe zugleich wie ein Bootsbauer und ein Entertainer. Den Füßen musste genügend schwimmfähiges Volumen gegeben werden. Außerdem brauchte es eine Methode, um Druck auszuüben, ohne rückwärts wegzurutschen. Danach hieß es üben, bis die Bewegung vom Ufer aus mühelos wirkte.
„Das Gehen auf dem Wasser ist für einen Menschen ein Konstruktionsproblem: Unter jedem Fuß müssen schwimmende Plattformen entstehen, und ein einseitiger Halt muss einen Schritt in Vortrieb verwandeln.“
Ein Entertainer lernt sein Handwerk
Oldrieve wurde 1868 in Boston geboren und sah in seiner Jugend, wie „Wasserläufer“ auf Seen und in Häfen kurze Kunststücke vorführten. Ihm ging es nicht um Salonillusionen, sondern um Distanz. 1888, mit 20 Jahren, bewältigte er in sechs Tagen die Strecke vom Hudson nach Manhattan – rund 240 Kilometer. Dabei trug er übergroße Holzschuhe, die wie schlanke Kanus geformt waren. Für die Zuschauer war es Spektakel, für ihn eine Datensammlung.
Er entwickelte seine Konstruktion fortlaufend weiter. Unter jeder Sohle montierte er klappbare Laschen, die wie kleine Paddel wirkten. Er erprobte sie in rauem Wasser, auf Küstenstrecken vor Boston und sogar in der Nähe von Kaskaden. Eine Überquerung des Ärmelkanals und ein Versuch über den Atlantik geisterten durch die Zeitungen, scheiterten jedoch an fehlender Finanzierung. Die entscheidende Prüfung sollte auf den großen Wasserstraßen im Landesinneren der USA folgen.
Der Versuch von 1907: vierzig Tage auf zwei Flüssen
Am Neujahrstag 1907 stieg Oldrieve in Cincinnati in den Ohio River. Sein Ziel war New Orleans, das er in vierzig Tagen erreichen wollte. Die Route führte den Ohio River hinab und anschließend über den Mississippi; insgesamt waren es etwa 2.575 Kilometer. Ein kleines Motorboot begleitete ihn. Seine Frau Caroline ruderte zeitweise neben ihm her, reichte ihm Essen und dokumentierte seinen Fortschritt.
„Strecke: ungefähr 2.575 km. Ziel: 40 Tage. Höchstgeschwindigkeit mit Strömung: etwa 8 km/h. Sein geschätzter Durchschnitt: knapp 3 km/h. Schuhlänge: rund 1,35 m. Schuhgewicht: ungefähr 10 kg pro Stück.“
Er passte seine Schritte der Strömung an. Auf günstigen Abschnitten glitt er dahin. In Flussbiegungen und Strudeln kämpfte er gegen Gegenwirbel und treibendes Holz. Die Schuhe waren gerade lang genug, um ihn zu tragen, und gerade schwer genug, um dem Wind standzuhalten. Die Laschen unter den Sohlen legten sich beim Vorschwingen flach an und klappten unter Belastung auf, um beim Abstoß im Wasser Halt zu finden.
Die Schuhe, die es möglich machten
Jeder Schuh ließ sich als schmaler Ponton verstehen. Der Auftrieb entstand durch Volumen, nicht durch Oberflächenspannung. Die klappbaren Flossen arbeiteten wie Ventile: Beim Vorschwingen verringerten sie den Widerstand, beim Zurückdrücken erhöhten sie ihn. Dieses einseitige Verhalten verwandelte den Gehrhythmus in Vortrieb.
„Der Schrittzyklus war entscheidend: gleiten, aufsetzen, drücken, erholen. Beim Gleiten schlossen sich die Flossen, beim Drücken öffneten sie sich. Wenn die Strömung half, erledigte der Fluss den Rest.“
- Grobe Auftriebsrechnung: Eine Last von 90 kg benötigt 90 Liter Verdrängung; beide Schuhe müssen daher jeweils etwa 45 Liter verdrängen.
- Typische Pontonmaße für diesen Auftrieb: 1,35 m lang, 0,25 m breit und 0,13–0,15 m dick, gefüllt mit eingeschlossener Luft oder leichtem Holz.
- Bei Wellengang sank die Schrittfrequenz meist; niedrigere Schuhe und ein breiterer Stand erhöhten die Stabilität.
- Das Begleitboot brachte Verpflegung und Ersatzteile und hielt ihn, soweit möglich, vom Schiffsverkehr fern.
Menschenmengen, Gefahren und eine Frist
Flussabwärts sprach sich die Sache von Ort zu Ort herum. Pfeifen ertönten, Fähren verlangsamten ihre Fahrt, und Menschen säumten die Deiche, um den Mann auf den langen Schuhen vorbeiziehen zu sehen. An Anlegestellen wurde der Applaus lauter. Ebenso nahmen Treibholz, Nebel und vereinzelte schwimmende Hindernisse zu.
In der Nähe von New Orleans wurden Schiffsverkehr und Querströmungen bedrohlich. Ein schwerer Lastkahn kam auf ihn zu. Männer an Bord zogen ihn wenige Sekunden vor dem Untergehen in Sicherheit. Die Erschöpfung beeinträchtigte sein Urteilsvermögen. Diese Rettung bewahrte die Geschichte vermutlich davor, lautlos zu enden.
Am 10. Februar 1907 erreichte er die Stadt, ungefähr eine Stunde innerhalb seines selbst gesetzten Zeitfensters von vierzig Tagen. Er war 39 Jahre alt, hatte tiefliegende Augen und sprach offen über den Preis der Leistung. Den Umstehenden sagte er, er würde die Strecke selbst für das Fünffache des Einsatzes nicht noch einmal zurücklegen.
Was danach geschah
Die Zeit nach der Reise liest sich schonungslos. Caroline starb später an Verbrennungen, die sie bei einer Explosion während einer Vorführung erlitten hatte. Berichten zufolge erhielt Oldrieve das Wettgeld nie. Er nahm sich mit Chloroform das Leben. Freunde sagten, Trauer und Schulden hätten ihn in die Enge getrieben. Seine Leistung blieb bestehen, doch der Mann dahinter verschwand aus den Schlagzeilen.
Seine Ausdauer und seine Ausrüstung inspirierten Nachahmer und Träumer. Jahrzehnte später behauptete der französische Musiker Rémy Bricka, 1988 auf Ponton-„Schuhen“ den Atlantik überquert zu haben; für zusätzlichen Antrieb nutzte er Handpaddel. Zudem veranstalten Studierende der Florida International University jeden November einen „Walk on Water“-Wettbewerb über einen Campussee – mit selbst gebauten Schuhen. Die Faszination verschwand nicht, sie entwickelte sich weiter.
Was die Physik tatsächlich sagt
Oberflächenspannung kann keinen Menschen tragen. Auftrieb kann es, sofern ausreichend Volumen vorhanden ist und kein Wasser eindringt. Entscheidend ist die Verdrängung. Eine Person samt Ausrüstung mit insgesamt 100 kg muss 100 Liter Wasser verdrängen, um zu schwimmen. Diese Last wird auf zwei Schuhe verteilt. Für Wellengang und Bewegung braucht es eine Reserve. Damit wird klar, warum Oldrieves Pontons wie schmale Boote und nicht wie Turnschuhe aussahen.
Danach kommt der Halt. Auf glattem Wasser würde ein flacher Schuh einfach wegrutschen. Klappbare Laschen oder strukturierte Unterseiten erzeugen Widerstand in nur einer Richtung. So wird ein Schritt zu Vortrieb, ähnlich wie bei einem an jeden Fuß geschnallten Kanupaddel. Der Rhythmus ist ebenso wichtig wie die Konstruktion.
Könnte man heute etwas Ähnliches ausprobieren?
Menschen tun das – auf Seen und mit Sicherheitsteams. Die sichere Variante bleibt ufernah, mit einem Begleitboot und einer Schwimmweste. Einfache Prototypen bestehen aus abgedichteten Schaumstoffplatten mit leichten Aluminiumrahmen. Die Scharniere können aus Gummituch oder flexiblem Kunststoff gefertigt werden. Zuerst geht es darum, das Timing zu lernen, bevor die Distanz vergrößert wird.
Flüsse bringen zusätzliche Risiken mit sich: Kälteschock, Unterkühlung, schneller Schiffsverkehr, verdeckte Hindernisse und Schleusensysteme. Genehmigungen können erforderlich sein. Die meisten Behörden für Binnengewässer verlangen Sichtbarkeitsausrüstung und ein Begleitboot. Wo Baumstämme oder Brückenpfeiler knapp unter der Oberfläche liegen können, sind Helme sinnvoll.
Ein kurzes Gedankenexperiment zum Bau
Skizziere zwei Pontons mit 1,3 m Länge, 0,25 m Breite und 0,15 m Höhe aus geschlossenzelligem Schaumstoff, der mit dünnem Sperrholz verkleidet wird. Befestige oben eine Fußschlaufe und unter jedem Schuh vier Gummilaschen, die an der Vorderkante angelenkt sind. Übe auf ruhigem Wasser einen langsamen Marsch: aufsetzen, drücken, erholen. Zähle die Schritte pro Minute und miss die Strecke entlang einer markierten 50-Meter-Linie. Passe die Steifigkeit der Laschen an, bis sich das Vorschwingen leicht und der Abstoß kraftvoll anfühlt.
Der Lauf von 1907 zieht noch immer Aufmerksamkeit auf sich, weil er an der Schnittstelle von selbst gebauter Technik, Ausdauersport und Showgeschäft liegt. Tüftler sehen darin ein lösbares Problem. Athleten erkennen eine Herausforderung für die Renneinteilung. Zuschauer sehen einen Menschen, der etwas tut, das ihrer Meinung nach nur in Geschichten möglich sein sollte. Die Ausrüstung wirkt einfach. Die Lernkurve ist es nicht.
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