Sie beginnt auf der Laufbahn, geht ins Labor und läuft danach weiter.
Forschende in Italien und den Vereinigten Staaten untersuchen eine Sprintlerin in ihren Neunzigern, deren Körper sich den üblichen Altersverläufen weiterhin widersetzt. Ihre Fortschritte, Trainingsnotizen und Muskelproben werden inzwischen ebenso genau betrachtet wie ihre Stoppuhrzeiten. Im Mittelpunkt steht nicht mehr allein die Frage, wie sie ihre Rennen läuft, sondern auch, was ihre Physiologie über gesundes Altern verraten kann.
Von der Laborbank an den Startblock
Emma Maria Mazzenga interessierte sich schon früh für Biologie und Bewegung. In den 1950er-Jahren studierte sie dieses Fach an der Universität Padua; mit 19 Jahren zog sie erstmals Spikes an. Das Familienleben unterbrach ihre Wettkampfkarriere. Mit 53 kehrte sie auf die Bahn zurück – und hörte danach nie wieder auf. Sie trainiert zwei- oder dreimal wöchentlich draussen, bei Wind und Regen. Während der Lockdowns lief sie in einem 20-Meter-Korridor auf und ab oder drehte nachts Runden um den Häuserblock, damit die Gewohnheit erhalten blieb.
Ein spätes Comeback, getragen von Routine
- Eine einfache Ernährung ohne strengen Plan und feste Schlafenszeiten.
- Vor jeder Einheit steht ein Aufwärmprogramm; kurze Sprints und Intervalle wiederholen sich regelmässig.
- In den drei Stunden vor einem Wettkampf isst sie nichts, um den Magen nicht zu belasten.
- Wettkämpfe plant sie einige Monate im Voraus, das Training bleibt gleichmässig.
Mit 91 Jahren stellte sie über 200 Meter im Freien in 51,47 Sekunden den Weltrekord der Frauenklasse 90+ auf. Im darauffolgenden Jahr unterbot sie diese Marke erneut. Entscheidend sind nicht nur die Zeiten, sondern das Muster dahinter: Eine fortlaufende Verbesserung bis weit in die Neunziger ist ungewöhnlich.
„Beständigkeit scheint die Hauptarbeit zu leisten. Kleine, wiederholbare Gewohnheiten scheinen sich bei älteren Körpern ebenso zu summieren wie bei jüngeren.“
Was ihre Muskeln den Forschenden verraten
Im April 2024 luden Physiologen der Universität Pavia Mazzenga zu einer eingehenden Untersuchung ein. Das von Simone Porcelli geleitete Team nahm eine Muskelbiopsie vor und prüfte Kraft sowie Atmung. Die Ergebnisse zeigten ein geteiltes Bild. Ihre schnell zuckenden Muskelfasern, die für Beschleunigung wichtig sind, ähnelten denen einer aktiven Person in ihren Siebzigern. Die langsam zuckenden Fasern, die Ausdauer ermöglichen, wirkten dagegen jugendlich – eher so, wie man es bei einem trainierten 20-Jährigen erwarten würde.
Proben und Daten gingen für zelluläre Analysen in die Vereinigten Staaten, an die Marquette University in Milwaukee und in das Labor von Chris Sundberg. Erste Messungen deuteten auf leistungsfähige Mitochondrien hin – jene Zellorganellen, die Sauerstoff und Nährstoffe in nutzbare Energie umwandeln. Herz-Kreislauf-Tests wiesen auf Leistungsmarker hin, die eher bei Menschen zu erwarten wären, die zwei oder drei Jahrzehnte jünger sind. Marta Colosio, die an der Zusammenarbeit beteiligt ist, betonte die Seltenheit eines solchen Profils bei einer Person in ihren Neunzigern, die sich tatsächlich testen und über längere Zeit begleiten lässt.
| Merkmal | Typisches Profil über 90 | Mazzengas Profil |
|---|---|---|
| Schnell zuckende Fasern | Deutlicher Rückgang von Grösse und Rekrutierung | Ähnlich wie bei einer sehr aktiven Person in ihren Siebzigern |
| Langsam zuckende Fasern | Geringere Ausdauereffizienz | Vergleichbar mit einem trainierten jungen Erwachsenen |
| Mitochondrienfunktion | Geringere Energieausbeute pro Sauerstoffeinheit | Hohe Effizienz erhalten |
| Herz-Kreislauf-Reaktion | Eingeschränkter Herzfrequenzbereich und langsamere Erholung | Eher wie im mittleren Lebensalter |
„Ihre langsam zuckenden Fasern wirken jung, ihre schnell zuckenden Fasern lediglich auf dem guten Niveau älterer Athletinnen und Athleten. Diese Kombination unterstützt wahrscheinlich Sprintleistung mit zuverlässiger Wiederholbarkeit.“
Verschobene Schwellen des Alterns
Keine dieser Erkenntnisse setzt das Altern ausser Kraft. Sie verleihen ihm jedoch mehr Differenzierung. Mit jedem Lebensjahrzehnt sinkt die Leistungsfähigkeit normalerweise, weil Muskelmasse, Nervenleitung und aerobe Kapazität nachlassen. Doch Tempo und Verlauf dieses Rückgangs unterscheiden sich. Ihr Fall legt nahe, dass drei Faktoren besonders wirksam sind: regelmässiges Training, das nie ganz abbricht, ausreichende Erholung und ein Stoffwechsel, der geordnet genug bleibt, um häufige Einheiten zu versorgen.
Gene spielen mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Rolle. Ebenso ein Leben voller Bewegung. Ihr Plan wirkt eher zurückhaltend als heroisch, was das Verletzungsrisiko begrenzt und die Einheiten wiederholbar macht. Dieser Rhythmus könnte die Verbindung zwischen Nervensystem und Muskulatur schützen, die nach 70 häufig zur Schwachstelle wird. Die Biopsien deuten darauf hin, dass die Stoffwechselmechanismen viel länger anpassungsfähig bleiben können, als viele Trainingspläne annehmen.
Was das für den Rest von uns bedeuten könnte
- Kleine Dosen sind besser als grosse Phasen. Zwei oder drei kurze Einheiten pro Woche können Muskelqualität und Bewegungsökonomie erhalten.
- Etwas Tempo bewahren. Sanfte Steigerungsläufe oder kurze Bergsprints helfen, schnell zuckende Fasern ohne grosse Belastung weiter zu rekrutieren.
- Etwas heben. Einfache Kraftübungen unterstützen Gelenke, Haltung und Sehnengesundheit, wenn sich Muskelfasern mit dem Alter verändern.
- Die Atmung in Bewegung bringen. Zügiges Gehen, Radfahren oder Schwimmen erhalten Schlagvolumen und Sauerstoffversorgung.
- Die Gewohnheit schützen. Das Training sollte auch schlechtes Wetter und volle Wochen überstehen. Falls nötig, zählen auch Korridore.
Sicherheit ist in jedem Alter wichtig. Wer Sprints oder schwere Kraftübungen aufnehmen möchte, sollte insbesondere bei Herz- oder Gelenkbeschwerden vorher mit der Hausärztin oder dem Hausarzt sprechen. Das Trainingsvolumen sollte langsam steigen. Wird der Schmerz stärker oder bricht die Bewegungsausführung ein, ist die Einheit zu beenden.
Im Muskel: Warum langsame und schnelle Fasern wichtig sind
Die menschliche Muskulatur besteht aus einer Mischung langsam und schnell zuckender Fasern. Langsame Fasern bewältigen lange Belastungen, nutzen Sauerstoff effizient und ermüden nur langsam. Schnelle Fasern erzeugen rasch Kraft, ermüden aber früher. Beim Altern verlieren sich meist zuerst die schnellen Fasern. Nervenverbindungen ziehen sich von einem Teil dieser Fasern zurück. Der Körper gleicht dies aus, indem er verbleibende Fasern zu grösseren „motorischen Einheiten“ zusammenfasst, wodurch Feinsteuerung und Explosivität nachlassen. Training kann die Rekrutierung wieder verbessern und die Querschnittsfläche erhalten. Darin könnte ein Teil von Mazzengas Geheimnis liegen: häufige Reize, die diese Schaltkreise aktiv halten.
Der aktuelle Fokus im Labor: Mitochondrien, Nerven und Erholung
Die Teams in Italien und den USA betrachten nun drei Schnittstellen. Erstens geht es darum, wie Mitochondrien in alternder Muskulatur die Leistung unter wiederholter Sprintbelastung aufrechterhalten. Zweitens wird untersucht, wie das Nervensystem eine schnelle Rekrutierung koordiniert, wenn Synapsen altern. Drittens steht im Fokus, wie Erholungssignale kleinste Muskelschäden reparieren, ohne in chronische Entzündungen überzugehen. Antworten darauf würden die Rehabilitation in Krankenhäusern und das Training im Masters-Sport beeinflussen.
„Die Forschenden suchen nach übertragbaren Prinzipien: nicht nach einem genetischen Wunder, sondern nach Protokollen, die mehr Menschen bis in ihre Achtziger und Neunziger mobil und kräftig halten.“
Praktische Ergänzungen für Athletinnen, Athleten und Trainerinnen und Trainer
Ältere Läuferinnen und Läufer können einen einfachen Zwei-Wochen-Zyklus ausprobieren: ein Tag mit kurzen Bergsprints (6–8 Wiederholungen über 6–10 Sekunden, mit vollständiger Gehpause beim Zurückgehen), ein Tag mit lockeren 20–30 Minuten plus Lauftechnikübungen und ein Tag mit leichtem Krafttraining (Kniebeugen bis zum Stuhl, Step-ups, Wadenheben, Zugübungen mit dem Band). An lauffreien Tagen kommt Beweglichkeitstraining hinzu. Ein Trainingstagebuch mit Notizen zu Schlaf, Muskelkater und Stimmung hilft dabei, Muster zu erkennen und das verträgliche Volumen zu bestimmen.
Trainerinnen und Trainer können Schrittfrequenz und Bodenkontaktzeit mit einfachen Smartphone-Apps überprüfen. Längere Kontaktzeiten und eine sinkende Schrittfrequenz weisen oft auf Ermüdung oder nachlassende Spannung hin. Wenn diese Werte abfallen, sollte eine harte Einheit durch Steigerungsläufe ersetzt werden. Sehnen profitieren von Rhythmus, nicht von Chaos. Regelmässige, aber sanfte Belastung ist meist wirksamer als seltene hohe Intensität.
Ein zusätzlicher Gedanke für Menschen mit langfristigen Erkrankungen: Der Zeitpunkt der Medikamenteneinnahme kann beeinflussen, wie sich Training anfühlt. Betablocker dämpfen die Herzfrequenzreaktion. Bei einem kleinen Anteil der Anwenderinnen und Anwender verursachen manche Statine Muskelkater. Besprechen Sie Ihre Trainingsarten mit Ihrer Hausärztin, Ihrem Hausarzt oder Ihrer Apothekerin beziehungsweise Ihrem Apotheker. Anpassungen können den Weg erleichtern.
Die Sportwissenschaft wird Mazzenga weiter untersuchen, solange sie weiterhin erscheint. Sie plant Wettkämpfe nur einige Monate voraus und hält ihre Woche schlicht. Diese Haltung wirkt weniger wie Trotz als wie handwerkliche Könnerschaft. Falls ihr Fall etwas verändert, dann vielleicht unsere Vorstellung davon, was regelmässige Übung nach 70 noch aufbauen kann – keine Grösse, sondern Fähigkeiten für den Alltag: Treppen steigen, Taschen tragen und, ja, ein sauberer Sprint auf einer Geraden an einem kühlen Morgen.
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