Der erste Schritt auf einen vereisten Gehweg wirkt oft völlig harmlos. Doch dann rutscht ein Fuss weg, der Puls schiesst hoch und plötzlich wird klar, wie schnell das Gleichgewicht verloren gehen kann, wenn der Boden glatt wie Glas ist. In Deutschland, Europa und Nordamerika verzeichnen Notaufnahmen regelmässig mehr Knochenbrüche, sobald die Temperaturen unter null fallen und Regen gefriert.
Balanceakt auf winterlichen Wegen
Bei jeder Kältewelle zeigt sich laut Gesundheitsdiensten dasselbe Bild: gebrochene Handgelenke, weil Menschen einen Sturz abfangen wollen, Hüftverletzungen nach dem Ausrutschen auf einer verdeckten Eisstelle und Kopfverletzungen auf gefrorenem Asphalt. Viele dieser Unfälle passieren bei kurzen Alltagswegen – auf dem Weg zum Auto, beim Bringen oder Abholen der Kinder oder beim Gang zur Mülltonne.
Stürze auf Eis wirken selten spektakulär, gehören in kälteren Ländern jedoch zu den häufigsten Gründen für Notfallbehandlungen im Winter.
Hinter jeder Statistik steckt eine alltägliche Szene: Jemand hastet zur Bahn, trägt Einkaufstaschen oder schaut beim Überqueren eines glänzenden Gehwegs aufs Smartphone. Die gute Nachricht ist, dass kleine praktische Anpassungen das Risiko tatsächlich senken. Es geht nicht darum, bis zum Frühjahr im Haus zu bleiben, sondern sich anders zu bewegen, besser auszurüsten und gefrorenen Untergrund ernst zu nehmen.
1. Das Schuhwerk vor dem Frost überdenken
Im Winter sind Schuhe ebenso Schutzausrüstung wie Modeartikel. Turnschuhe mit abgelaufenen Sohlen oder Lederstiefel mit glatter Sohle machen Gehwege schnell zur Eisbahn. Entscheidend sind Halt und Stabilität.
- Wählen Sie Schuhe oder Stiefel mit tiefem Gummiprofil.
- Meiden Sie harte, kunststoffähnliche Sohlen, die leicht wegrutschen.
- Bevorzugen Sie Stiefel, die den Knöchel stützen und den Fuss stabil halten.
- Nutzen Sie abnehmbare Schuhspikes, wenn Sie häufig auf vereisten Wegen unterwegs sind.
In nordischen Ländern halten manche Menschen zwei Paar bereit: ein „Stadtpaar“ für Innenräume und trockene Strassen sowie ein „Winterpaar“ mit starkem Profil, das nur bei schlechter Wetterprognose getragen wird. Schon diese einfache Gewohnheit verringert das Risiko deutlich.
Betrachten Sie Winterschuhe wie Winterreifen: kein Luxus, sondern das passende Werkzeug für veränderte Bedingungen.
2. Frischen Schnee gezielt nutzen
Frischer Pulverschnee bietet in der Regel mehr Halt als polierte, festgetretene Flächen. Wenn möglich, gehen Sie auf dem unberührten Streifen am Rand des Gehwegs statt auf dem glänzenden grauen Bereich, über den bereits viele Menschen gelaufen sind. Die dünne Schneeschicht kann wie ein natürlicher Rutschschutz wirken.
Gefährlich wird es dort, wo Schnee teilweise geschmolzen und anschliessend wieder gefroren ist. Dabei entsteht eine dünne, nahezu unsichtbare Schicht aus Blitzeis – besonders an Bordsteinen, Gullys und Einfahrten. Sieht eine Fläche nass aus, obwohl die Temperatur unter null liegt, sollten Sie von Eis und nicht von Wasser ausgehen.
3. Wie ein Pinguin gehen – tatsächlich
Polarforscher, Postzusteller und Rettungskräfte geben häufig denselben Rat: Gehen Sie wie ein Pinguin. Das mag komisch klingen, doch physikalisch ergibt es Sinn.
Der Pinguingang bedeutet:
- Kleine, schlurfende Schritte statt weiter Schritte.
- Die Füsse leicht nach aussen drehen, um die Standfläche zu vergrössern.
- Das Körpergewicht leicht nach vorn über den vorderen Fuss verlagern.
- Die Arme ausgestreckt oder locker halten, statt sie fest an den Körper zu pressen.
Diese Haltung hält den Körperschwerpunkt über dem vorderen Fuss und reduziert damit die Gefahr, dass die Füsse nach vorn wegrutschen. Sie sind zwar langsamer unterwegs, bleiben dafür aber deutlich häufiger aufrecht.
4. Hände freihalten und schwere Taschen vermeiden
Ein stiller Gegner des Gleichgewichts im Winter hängt oft an der Schulter: eine überladene Handtasche, Laptoptasche oder einzelne Einkaufstasche. Zieht Gewicht zu einer Seite, muss der Körper laufend gegensteuern – und ein Ausrutschen lässt sich dann schwerer kontrollieren.
An eisigen Tagen sind Ihre Hände genauso nützlich wie Ihre Füsse. Stecken sie in den Taschen oder halten Taschen fest, verlieren Sie die Hälfte Ihrer Stabilisatoren.
Greifen Sie bei Frost lieber zum Rucksack. Verteilen Sie das Gewicht gleichmässig und ziehen Sie die Gurte fest, damit der Rucksack nicht hin- und herschwingt. Halten Sie die Hände frei, um bei einem Rutschen schnell reagieren zu können. Handschuhe wärmen die Hände, ohne sie in Jackentaschen einzusperren, wo sie nicht helfen können.
5. Tempo und Planung anpassen
Viele Winterstürze beginnen mit einem einzigen Gedanken: „Ich bin zu spät.“ Hektik auf Eis macht aus kleinen Ausrutschern schnell schwere Stürze. Bewegen Sie sich auf gefrorenem Boden bewusst langsamer.
Hilfreich ist diese Vorgehensweise:
- Planen Sie für jeden Weg mehr Zeit ein, wenn Frost oder Schnee vorhergesagt sind.
- Prüfen Sie jeden neuen Untergrund vorsichtig mit dem Fuss, bevor Sie Ihr ganzes Gewicht darauf verlagern.
- Richten Sie den Blick etwas nach vorn – nicht aufs Smartphone und nicht ausschliesslich auf die Schuhe.
- Vermeiden Sie abrupte Richtungswechsel und plötzliches Anhalten.
Nach vorn zu schauen ist wichtiger, als es zunächst scheint. So hat das Gehirn Zeit, glänzende Stellen, abschüssige Wege oder unter Schnee verborgene Stufen zu erkennen. Ständige kleine Korrekturen helfen dem Körper, aufrecht zu bleiben, noch bevor die Gefahr vollständig bewusst wahrgenommen wird.
6. Die sicherere Strassenseite wählen
Nicht jeder Gehweg birgt dasselbe Risiko. Sonneneinstrahlung, Verkehr und Gebäudeschatten beeinflussen, wie Eis tagsüber entsteht und wieder taut. Eine Strassenseite kann trocken sein, während auf der gegenüberliegenden noch eine geschlossene Eisdecke liegt.
| Bereich | Risikostufe an eisigen Tagen | Grund |
|---|---|---|
| Sonniger Gehweg | Niedriger | Eis taut schneller, besonders am späten Vormittag und Nachmittag. |
| Schattige Gasse oder Innenhof | Höher | Eis bleibt länger liegen; die Temperatur bleibt oft unter null. |
| Treppen und Rampen | Sehr hoch | Wasser läuft ab und gefriert in dünnen, schwer erkennbaren Schichten. |
| Zufahrten zu Parkplätzen | Hoch | Wiederholter Verkehr verdichtet Schnee zu glattem Eis. |
Wählen Sie nach Möglichkeit die sonnige Seite, selbst wenn der Weg dadurch eine Minute länger dauert. Nutzen Sie auf Treppen vom ersten bis zum letzten Tritt den Handlauf und setzen Sie stets den ganzen Fuss fest auf, bevor Sie den anderen bewegen.
7. Wanderstöcke als Sicherheitsausrüstung in der Stadt
Wanderstöcke sind längst nicht mehr nur für Wanderer in auffälligen Jacken auf Bergwegen gedacht. In nordischen Städten verwenden viele ältere Menschen sie bereits den ganzen Winter über auch im Alltag. Ein einzelner leichter Stock kann auf gefährlichem Untergrund als dritter Stützpunkt dienen.
Wenn Sie längere Strecken auf nicht geräumten Wegen oder Landstrassen zurücklegen müssen, kann ein Stockpaar mit Winterspitzen das Sicherheitsgefühl deutlich verbessern. Die Stöcke funktionieren wie zusätzliche Beine: Sie helfen dabei, instabile Stellen zu ertasten, bevor die Füsse belastet werden. Rutschen Sie dennoch aus, verteilen sie zudem die Belastung und können einen möglichen Sturz in ein unbeholfenes Stolpern verwandeln.
8. Gleichgewicht trainieren, bevor das Wetter kippt
Gleichgewicht ist keine unveränderliche Fähigkeit, die mit dem Alter einfach verschwindet. Es verhält sich eher wie ein Muskel, der auf Training reagiert. Je besser Gleichgewicht und Reflexe im Herbst trainiert sind, desto hilfreicher sind sie auf Januareis.
Einfache tägliche Übungen können das Sturzrisiko selbst bei Menschen über 70 senken, wenn sie regelmässig einige Minuten am Tag durchgeführt werden.
Physiotherapeuten empfehlen häufig:
- Beim Zähneputzen auf einem Bein stehen und sich bei Bedarf an der Arbeitsplatte abstützen.
- Kontrolliert von einem Stuhl aufzustehen, ohne die Hände einzusetzen.
- Zuhause auf einer gedachten geraden Linie von der Ferse bis zu den Zehen zu gehen.
- Sanfte Kniebeugen zu machen, um die Beinmuskulatur zu stärken.
Diese Bewegungen kräftigen die kleinen stabilisierenden Muskeln an Hüften, Knien und Knöcheln. Gleichzeitig verbessern sie die Reaktion des Körpers bei einem plötzlichen Gleichgewichtsverlust, sodass aus einem Sturz stattdessen ein auffangender Schritt werden kann.
9. Richtig fallen, wenn der Halt fehlt
Keine Massnahme kann jedes Risiko vollständig ausschliessen. Irgendwann trifft ein Fuss möglicherweise auf eine unerwartete Eisstelle. Dann entscheidet die Art des Fallens stärker über die Verletzung als das Ausrutschen selbst.
Den Körper bei einem Sturz nach vorn schützen
Wenn Sie nach vorn kippen, ist der Reflex oft, die Hände gerade auszustrecken und die Arme durchzudrücken. So entstehen Handgelenksbrüche.
- Versuchen Sie, die Ellbogen zu beugen und die Unterarme statt nur die Hände einzusetzen.
- Ziehen Sie das Kinn leicht zur Brust, um das Gesicht zu schützen.
- Lassen Sie den Körper etwas abrollen, statt den Sturz abrupt auf einem einzigen Punkt zu stoppen.
Einen Sturz nach hinten abfangen
Nach hinten zu fallen fühlt sich oft bedrohlicher an. Entscheidend ist, den Hinterkopf nicht auf den Boden schlagen zu lassen.
- Verlagern Sie das Gewicht in Richtung Hüfte und Gesäss, statt den Rücken durchzustrecken.
- Ziehen Sie das Kinn an, damit der Schädel vom Boden fernbleibt.
- Werfen Sie die Hände möglichst nicht gerade nach hinten, da dies zu gebrochenen Handgelenken führen kann.
Diese Reaktionen wirken auf dem Papier technisch, doch schon ein grobes Verständnis ist hilfreich. Kampfsport- und Judokurse vermitteln beispielsweise das „sichere Fallen“ – eine Fähigkeit, die sich überraschend gut auf einen vereisten Gehweg im Februar übertragen lässt.
Über den Einzelnen hinaus: Winterwege als gemeinsame Verantwortung
Individuelle Vorsicht reicht nur begrenzt, wenn Gehwege nie abgestreut oder gesalzen werden. Kommunen, Gebäudeeigentümer und auch Nachbarn tragen Verantwortung. Den Weg vor dem eigenen Haus freizuräumen, Sand oder Streugut auf einer gemeinschaftlich genutzten Einfahrt zu verteilen oder gefährlich vereiste öffentliche Stellen zu melden, kann für Dutzende unbekannte Menschen einen Unterschied machen.
Einige Städte testen inzwischen beheizte Gehwegabschnitte an wichtigen Übergängen oder setzen Echtzeitsensoren ein, damit Streudienste dort tätig werden, wo sich Eis am schnellsten bildet. Bis solche Systeme weit verbreitet sind, bleiben einfache Mittel – ein Sack Streugut an der Tür, eine Schneeschaufel und bessere Beleuchtung in schattigen Durchgängen – ausgesprochen wirksam.
Stürze auf Eis fühlen sich oft wie „Pech“ an, folgen jedoch meist Mustern, die sich Jahr für Jahr wiederholen. Wer die Wettervorhersage mit Blick auf die eigene Strecke prüft, ein Paar geeignete Winterstiefel an der Tür bereithält und das Gleichgewicht ebenso trainiert wie das Gedächtnis, kann aus einer riskanten Jahreszeit einen normalen Teil des Jahres machen – klar, kalt und gut zu bewältigen.
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