Sie kamen als Aussenseiter an und kämpften gegen Jetlag, Stress und 18 gegnerische Teams. Zehn Stunden später standen sie an der Spitze der Junioren-Konditoreiwelt – mit Schokolade auf den Jacken und ungläubigen Gesichtern.
Brüder aus einem elsässischen Dorf, die es mit der Welt aufnahmen
Die neuen Junioren-Weltmeister der Patisserie sind keine Starköche aus Paris oder Tokio. Es handelt sich um Mathis und Samuel Anstett, Zwillingsbrüder aus Zimmersheim, einem Dorf nahe Mulhouse im Osten Frankreichs. Sie wuchsen Seite an Seite auf, absolvierten gemeinsam ihre Ausbildung und teilen nun denselben Welttitel.
Bei der Sigep 2026 in Rimini holte das Duo Gold – bei einem der härtesten und technisch anspruchsvollsten Wettbewerbe im professionellen Konditoreizirkus. Die alle zwei Jahre in Italien ausgetragene Veranstaltung versammelt Nachwuchstalente aus allen Kontinenten zu einer kräftezehrenden Reihe von Prüfungen, die kaum Raum für Zögern lässt.
Die Meisterschaft liess für das gesamte Programm lediglich zehn Stunden zu, sodass jedes Team Tempo und höchste Präzision miteinander verbinden musste.
Am 20. Januar betraten die Anstett-Brüder noch vor Tagesanbruch die Wettbewerbsküche. Ab diesem Augenblick lief ein unerbittlicher Countdown: zehn Stunden, keine Minute länger, um eine vollständige Patisserie-Kollektion zu entwerfen und umzusetzen, die eine internationale Fachjury überzeugen konnte.
Eine Aufgabe aus Kaffee, Sauerteig und meterhoher Schokolade
Die Vorgaben für die Junioren-Weltmeisterschaft sind in ihrer Vielfalt kompromisslos. Jedes Team muss in völlig unterschiedlichen Formaten technisches Können, Kreativität, Aufbau und Geschmack beweisen. Für Mathis und Samuel wurde der Tag zu einem präzise choreografierten Sprint.
Die vier Kreationen, die sie herstellen mussten
- Eine vollständig vegane Kaffeetorte
- Ein von Frankreich inspiriertes Streetfood-Dessert
- Ein Frühstücksprodukt auf Sauerteigbasis
- Ein 1,20 Meter hohes künstlerisches Schaustück aus Schokolade
Die vegane Kaffeetorte zwang sie dazu, ohne Butter, Sahne oder Eier zu arbeiten – also ohne die zentralen Bausteine der klassischen französischen Patisserie. Die Texturen mussten luftig und genussvoll bleiben, während das Kaffeearoma klar und vielschichtig statt bitter wirken sollte.
Das von Frankreich inspirierte Streetfood-Dessert verlangte nach etwas, das sich aus der Hand essen liess und auf dem Jurytisch dennoch elegant aussah. Man kann es sich als Gebäck zwischen einem Gourmet-Éclair und einem Festival-Snack vorstellen: transportabel, aber sorgfältig komponiert.
Das Sauerteig-Element zum Frühstück erforderte dagegen ein vollkommen anderes Können: langsame Fermentation, ein ausgewogenes Verhältnis von Säure und Süsse sowie eine Krume, die weich statt kompakt bleibt. Hier bewerten die Juroren das technische Verständnis ebenso wie den Geschmack.
Das Schaustück, eine 1,20 Meter hohe Schokoladenskulptur, musste trotz Licht, Wärme und Nervosität vollkommen stabil bleiben.
An der hohen Schokoladenkonstruktion zerbrechen bei vielen Teams buchstäblich ganze Trainingstage. Ein einziger Riss oder ein schlecht temperierter Abschnitt genügt, damit die Skulptur kippt oder bricht. Die Anstett-Zwillinge hatten ihre Handgriffe monatelang geübt, bis jede Bewegung automatisch ablief.
Sieg gegen 18 internationale Teams, darunter Asiens aufstrebende Stars
Neunzehn Juniorenteams erreichten die Endrunde in Rimini. Jedes von ihnen vertrat die Besten seiner jeweiligen nationalen oder regionalen Auswahl. Darunter waren hoch eingeschätzte Delegationen aus Südkorea und China, die beide für akribische Ausbildungsprogramme und aussergewöhnlich konstante Arbeit bekannt sind.
Unter Anleitung des französischen Patissiers Alexis Beaufils gestalteten die Zwillinge ihren Wettbewerb wie einen Staffellauf. Während einer die vegane Torte fertigstellte, formte der andere die Sauerteigstücke; anschliessend wechselten sie die Aufgaben, ohne Sekunden zu verlieren. Diese gemeinsame Ausbildung erwies sich unter Druck als echter Vorteil.
Die Jury lobte beim französischen Team das ruhige Tempo und die nachvollziehbare Organisation. Während manche Konkurrenten in der Schlussphase in Hektik gerieten, blieben die Brüder gefasst und passten Details sowie Texturen bis zum Ablauf der Zeit an.
Die Juroren hoben die „Kohärenz“ ihrer Arbeit hervor: Aromen, Texturen und Ästhetik schienen dieselbe Sprache zu sprechen.
Auf dem Podium standen neben Frankreich auch Südkorea und China, was verdeutlichte, wie umkämpft das Feld inzwischen ist. Für viele Beobachter in Rimini signalisierte der französische Sieg, dass traditionelle Patisserie-Nationen noch intensiver arbeiten müssen, um den rasch aufholenden asiatischen Teams voraus zu bleiben.
Von TV-Teilnehmern zu etablierten Talenten
Französische Zuschauer könnten die Anstett-Brüder bereits kennen. Zuvor waren sie in der M6-Sendung „Le Meilleur Pâtissier: Les Professionnels“ zu sehen, in der Patisserie-Duos vor Kameras und prominenten Juroren gegeneinander antreten. Ihre natürliche Harmonie und ihre Vierhand-Technik fielen während der Staffel besonders auf.
Das Fernsehen verschaffte ihnen Bekanntheit, doch ein Welttitel bedeutet etwas anderes: Anerkennung durch Techniker und Fachleute. Die Sigep wird von Hotelgruppen, Luxus-Boutiquen und Restaurantbesitzern verfolgt, die nach Talenten der nächsten Generation suchen.
Nun sehen sich die Zwillinge einer Flut von Einladungen gegenüber, die von Aufenthalten im Ausland bis zu Kooperationen mit etablierten Patisserie-Häusern reicht. Für zwei junge Köche, deren Karriere gerade erst beginnt, kann dies zugleich Chance und Prüfung der Konzentration sein.
Was dieser Sieg für sie verändert
| Vor Rimini | Nach Rimini |
|---|---|
| Vor allem durch das Fernsehen in Frankreich bekannt | International von Köchen und Personalvermittlern wahrgenommen |
| Arbeit unter etablierten Mentoren | Anfragen für Beratung, Masterclasses und Veranstaltungen |
| Kurzfristige Karrierepläne im Elsass | Reale Möglichkeiten für Projekte im Ausland oder Marken-Boutiquen |
Elsässisches Patisserie-Erbe trifft auf eine neue Generation
Im Elsass sind kulinarische Traditionen tief verwurzelt: Kougelhopf, Bredele-Weihnachtsplätzchen, Flammkuchen und üppige Tartes gehören zur regionalen Identität. Einen hochmodernen internationalen Wettbewerb mit veganen und Streetfood-Desserts zu gewinnen, bildet dazu einen auffälligen Kontrast.
Für die Anstett-Brüder besteht darin jedoch kein Widerspruch. Sie sind mit diesen klassischen Rezepten aufgewachsen und lassen sich weiterhin davon inspirieren. Gewürze aus Weihnachtsplätzchen können in einem modernen Entremet wieder auftauchen; die Form eines Kougelhopfs kann eine Form für ein angerichtetes Dessert anregen.
Ihr Sieg zeigt, dass regionale Patisserie sich weiterentwickeln kann, ohne ihre Wurzeln zu verlieren, indem sie Tradition mit globalen Trends wie veganen und Streetfood-Formaten verbindet.
Für das Elsass ist der Titel zugleich ein Signal an junge Auszubildende und örtliche Schulen. Er beweist, dass man nicht sofort nach Paris oder London ziehen muss, um internationale Anerkennung anzustreben. Strenge Ausbildung, starke Betreuung und Ehrgeiz können in einem Labor in einem Dorf beginnen.
Der stille Vorteil von Zwillingen in einer Hochdruckküche
Im Wettbewerb ist es mehr als eine nette Besonderheit, Zwillinge zu sein. Es prägt ihre Arbeitsweise. Jahre des Teilens von Haushaltspflichten, Sport und Studium haben sich in eine nahezu wortlose Sprache an der Arbeitsfläche übersetzt.
Während des zehnstündigen Finales mussten sie kaum sprechen. Ein Blick bedeutete, dass ein Blech aus dem Ofen genommen werden sollte; eine kleine Geste sagte: „Ich kümmere mich um die Glasur, du stellst die Formen fertig“. Diese Eingespieltheit spart Sekunden, verringert aber auch Reibung und Stress.
In Spitzenküchen entstehen zwischen Teammitgliedern häufig Konflikte, sobald die Erschöpfung einsetzt. Die Anstett-Brüder haben solche Spannungen in ihrem privaten Leben bereits Hunderte Male ausgehandelt, sodass sie sich rasch neu sortieren und weitermachen können.
Was ambitionierte Hobbybäcker aus einer Weltmeisterschaft übernehmen können
Man braucht kein professionelles Labor, um aus Rimini zu lernen. Mehrere Prinzipien hinter der Sieg-Leistung lassen sich auf das tägliche Backen zu Hause übertragen.
- Rückwärts vom Abgabetermin planen: Legen Sie fest, wann jedes Element fertig sein muss, und planen Sie die Schritte dann vom Ende zum Anfang.
- Ein Rezept üben, bis die Bewegungen automatisch sitzen: Wiederholung schafft geistigen Freiraum, um Details zu korrigieren, statt nur den Ablauf zu bewältigen.
- Aromen um ein klares Thema herum kombinieren: Wählen Sie, wie die Brüder beim Kaffee, eine zentrale Note und bauen Sie Texturen und Düfte darum auf.
- Vorgaben als Treibstoff für Kreativität nutzen: Eine vegane oder glutenfreie Anforderung kann zu neuen Zutaten und Techniken führen.
Für alle, die mit dem Fachbegriff nicht vertraut sind: Ein „Schaustück“ in der Patisserie ist eine überwiegend nicht essbare künstlerische Konstruktion aus Zucker, Schokolade oder Pastillage. Sie soll Fähigkeiten in Skulptur, Balance und Ausarbeitung demonstrieren, nicht Portionen liefern. Die Juroren achten auf Stabilität, Glanz, saubere Verbindungen und eine übergreifende Geschichte in den Formen.
Vegane Patisserie, eine weitere zentrale Vorgabe dieser Meisterschaft, nutzt pflanzliche Fette und Proteine, um die Funktion von Butter, Sahne und Eiern nachzuahmen. Das kann Aquafaba (Kichererbsenwasser) für Meringues, Hafer- oder Mandelsahne für Ganaches sowie Öle oder Nussmuse statt herkömmlicher Milchprodukte bedeuten. Gut umgesetzt, kann das Ergebnis Textur und Reichhaltigkeit klassischer französischer Rezepte erreichen, ohne wie ein Kompromiss zu wirken.
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