Seit Jahren nutzen einige Gebirgsspezialisten innerhalb der französischen Armee Gleitschirme, um Bergrücken zu überqueren, Patrouillen auszuweichen und in der Dunkelheit zu verschwinden. Was lange eine Nischenfähigkeit war, soll nun deutlich ausgebaut werden: Eine Investition in Millionenhöhe soll Stoffschirme zu einem regulären Mittel der Landkriegsführung machen.
Aus einer Gebirgsnische wird ein nationales Programm
Das Interesse der französischen Armee am Gleitschirmfliegen reicht bis in die frühen 1990er-Jahre zurück. Damals beschaffte sie etwa 300 militärische Gleitschirme des Typs „Carlit“. Der Einsatz war zunächst strikt auf die Alpen und auf besonders ausgebildete Einheiten beschränkt, die in extremem Gelände operieren konnten.
Der Aufbau dieser Fähigkeit wurde der 27. Alpindivision übertragen, aus der später die 27. Gebirgsinfanteriebrigade hervorging. Sie sollte Piloten ausbilden, während die Militärische Hochgebirgsschule in Chamonix die Lehrgänge für Ausbilder übernahm. Eine spezialisierte Luftlandesektion des technischen Zweigs der Armee in Toulouse war für Erprobung und Feinabstimmung der Ausrüstung zuständig.
Aus dem damaligen Versuchsvorhaben ist nach mehr als drei Jahrzehnten ein ausgereifter, klar gegliederter Ausbildungsgang entstanden. Im Mittelpunkt steht der Lehrgang „Militärischer Gleitschirmlehrer“ an der Militärischen Hochgebirgsschule. Die Teilnehmer lernen nicht nur das Fliegen, sondern auch das Unterrichten, die Risikobewertung und den anschließenden Weg zu einer zivil anerkannten professionellen Sportqualifikation im Gleitschirmfliegen.
Nach der Qualifizierung kehren diese Ausbilder zu ihren Verbänden zurück und schulen die Kommandos der 27. Gebirgsinfanteriebrigade. Dadurch ist eine kleine, aber hoch spezialisierte Gemeinschaft entstanden, die allein, bei Tag oder Nacht, mit Gefechtsausrüstung und unter anspruchsvollsten Bedingungen starten kann.
Die französische Armee strebt innerhalb von sieben Jahren 200 operative Gleitschirmsysteme im Rahmen eines Vertrages mit einem Wert von bis zu 7 Millionen € an.
Was der neue Vertrag über 7 Millionen € umfasst
Den jüngsten Schritt bildet eine offizielle Ausschreibung der Generaldirektion für Rüstung – Luftfahrttechnologien (DGA TA). Der Auftrag soll 200 „operative Waffengleitschirmsysteme“ für die französische Armee bereitstellen und diese Fähigkeit über ihren traditionellen alpinen Schwerpunkt hinaus erweitern.
Die Rahmenvereinbarung ist auf sieben Jahre angelegt. In diesem Zeitraum möchte die DGA ungefähr Folgendes beschaffen:
- 160 vollständige Einsitzer-Gleitschirmsysteme
- 40 vollständige Zweisitzer-Gleitschirmsysteme
- Pakete für technische Unterstützung und Wartung
- Zugehörige Dokumentationen und Handbücher
Die Auslieferungen sollen sich über vier Jahre verteilen. So bleibt Zeit, zusätzliche Piloten auszubilden, Taktiken weiterzuentwickeln und die Systeme schrittweise in weiteren Einheiten einzuführen.
Zentrale Leistungsanforderungen der französischen Armee
Laut Ausschreibung müssen die Gleitschirme sowohl für Einsätze als auch für die Ausbildung geeignet sein. Vorgesehen ist ihre Nutzung bei Tageslicht, in der Dämmerung und bei völliger Dunkelheit. Zudem sollen sie widrigen Witterungsbedingungen standhalten, die weniger leistungsfähige Schirme am Boden halten würden.
Die Beschaffungsverantwortlichen haben vier entscheidende Kriterien festgelegt: Zuverlässigkeit, einfache Bedienung, Tragfähigkeit und ein kompaktes Packmaß.
Diese Vorgaben deuten auf eine sehr spezifische Ausrüstung hin. Die Armee verlangt einen Schirm, der:
- in turbulenter Hochgebirgsluft zuverlässig einsetzbar ist,
- sich unter Zeitdruck rasch auspacken, prüfen und starten lässt,
- einen schwer ausgerüsteten Soldaten oder in der Zweisitzerversion einen Soldaten mit Passagier tragen kann,
- in einen Rucksack oder ein Tragegestell passt, das die Bewegung zu Fuß oder in Fahrzeugen nicht beeinträchtigt.
Wie militärisches Gleitschirmfliegen die Verlegung von Truppen verändert
Für das Groupement Commando Montagne, die Elite-Gebirgskommandogruppe der 27. Brigade, ist Gleitschirmfliegen kein Sport. Es dient der verdeckten Mobilität.
Nach ihrer Ausbildung können diese Einsatzkräfte selbstständig von Berghängen, Graten oder improvisierten Startplätzen abheben. Dabei tragen sie ihre vollständige Gefechtsausrüstung: Waffen, Körperschutz, Kommunikationssysteme und Überlebensausrüstung. Nachtflüge mit Nachtsichtgeräten ermöglichen es ihnen, sich in völliger Dunkelheit durch Gelände zu bewegen, dessen Durchquerung zu Fuß Stunden oder Tage dauern würde.
Durch das Fliegen können Gebirgskommandos Hindernisse am Boden umgehen, Kontrollpunkte passieren und die Zeit verringern, in der sie gegnerischer Beobachtung ausgesetzt sind.
Zu den wichtigsten taktischen Vorteilen gehören:
| Vorteil | Operative Wirkung |
|---|---|
| Verdeckte Infiltration | Annäherung an ein Ziel aus unerwarteten Richtungen, oberhalb oder hinter feindlichen Linien. |
| Schnelle Exfiltration | Rasches Verlassen eines Kontaktbereichs, ohne vorhersehbare Straßen oder Wege zu nutzen. |
| Unabhängigkeit vom Gelände | Überqueren von Schluchten, Flüssen und steilen Hängen ohne umfangreiche Pionierunterstützung. |
| Geringer logistischer Aufwand | Im Vergleich zu Hubschraubern benötigen Gleitschirme vor Ort keine Treibstoffversorgungskette. |
Hubschrauber können selbstverständlich mehr Soldaten und Material transportieren, verursachen jedoch Lärm, Radarsignaturen und einen hohen logistischen Bedarf. Gleitschirme bilden das Gegenstück: Sie sind langsam und verwundbar, aber sehr unauffällig und kostengünstig im Betrieb.
Wer die neuen Gleitschirmsysteme nutzen könnte
Derzeit bleibt die 27. Gebirgsinfanteriebrigade der einzige operative Nutzer dieser Gleitschirme. Zwar nennt der neue Vertrag nicht ausdrücklich weitere Verbände als Empfänger, doch die Größenordnung von 200 Systemen ermöglicht eine breitere Verteilung.
Zu den möglichen künftigen Nutzern innerhalb der französischen Armee könnten gehören:
- andere spezialisierte Infanterieeinheiten in hügeligem oder vulkanischem Gelände,
- Luftlande- oder Kommandoelemente, die zusätzliche Optionen für die Infiltration suchen,
- Ausbildungseinrichtungen, welche gemeinsame Übungen unterstützen oder Verbindungsoffiziere vorbereiten.
Mit der Einführung der Systeme dürfte sich auch die Doktrin weiterentwickeln. Denkbar wäre beispielsweise, Gleitschirme mit kleinen Drohnen zur Aufklärung von Landeplätzen zu kombinieren oder sie in multidomäniale Operationen einzubinden, bei denen Bodenteams sich unauffällig zwischen Sensorknoten verlegen müssen.
So funktioniert die militärische Gleitschirmausbildung
Im Unterschied zu Freizeitpiloten müssen militärische Gleitschirmlehrer sowohl fliegerische Fähigkeiten als auch den Gefechtskontext beherrschen. Die Militärische Hochgebirgsschule prüft Kandidaten auf körperliche Leistungsfähigkeit, technisches Können und Urteilsvermögen unter Belastung.
Die Ausbildung folgt sorgfältig abgestuften Schritten. Zunächst üben die Lehrgangsteilnehmer die Schirmbeherrschung am Boden und lernen, den Schirm an einem Hang zu kontrollieren. Danach folgen kurze Flüge unter direkter Aufsicht. Erst wenn sie eine dauerhaft sichere Kontrolle nachweisen, fliegen sie mit Waffen, Rucksäcken und Nachtsichtausrüstung.
Ziel ist vollständige Eigenständigkeit: Ein Kommando soll ohne externe Unterstützung einen Startplatz auswählen, die Bedingungen beurteilen, sicher fliegen und punktgenau landen können.
Nachteinsätze erhöhen die Anforderungen zusätzlich. Die Piloten müssen mit eingeschränkter Tiefenwahrnehmung und engen Sichtfeldern umgehen, während sie weiterhin Gelände und Instrumente ablesen. Die Wetterschulung behandelt starke Winde, turbulente Luft und wechselnde Wolkenuntergrenzen, denn eine Fehleinschätzung kann selbst einen Routineflug zu einem schweren Zwischenfall machen.
Vorteile, Risiken und realistische Einsatzszenarien
Auf dem Papier verleiht ein Gleitschirm einem Soldaten die Reichweite eines Kleinflugzeugs bei dem Platzbedarf eines Rucksacks. Das kann die Planung bestimmter Missionen verändern.
Man stelle sich ein kleines Team vor, das Sensoren auf einem abgelegenen Grat installieren soll, von dem aus ein Tal überwacht wird. Ein langer Aufstieg könnte die Soldaten erschöpfen und berechenbar machen. Das Absetzen aus einem Hubschrauber könnte Aufmerksamkeit erzeugen. Der Start von einem verdeckten Hang mehrere Kilometer entfernt und das lautlose Gleiten auf den Grat bei Nacht bieten einen dritten Weg.
Die Nachteile liegen auf der Hand. Gleitschirme reagieren äußerst empfindlich auf das Wetter. Starke Winde, Gewitter oder plötzliche Fallwinde können tödlich sein. Auch die Piloten sind ungeschützt: Sie verfügen über keine Panzerung, keinen Motor und nur begrenzte Möglichkeiten, wenn gegnerische Kräfte sie in der Luft entdecken. Deshalb eignet sich diese Methode eher für spezialisierte Einsätze als für Aufgaben der allgemeinen Infanterie.
Die Systeme erfordern zudem fortlaufendes Training. Muskelgedächtnis lässt nach, und das Lesen komplexer Luftbewegungen ist eine Fähigkeit, die ohne Übung verloren geht. Die Einheiten benötigen regelmäßige Flugmöglichkeiten, Simulatoren oder zumindest strukturierte Auffrischungslehrgänge, damit ihre Piloten einsatzbereit bleiben.
Dennoch sind die vergleichsweise niedrigen Betriebskosten und die Flexibilität attraktiv. Im Zeitalter von Sensoren und Drohnen können niedrigtechnologische Lösungen, die Radar- und Infraroterfassung unterlaufen, überraschend wertvoll werden. Einige richtig eingesetzte Stoffschirme könnten Bodenkräften neue Bewegungsoptionen eröffnen, die zwischen Fußpatrouillen, Hubschraubern und hochentwickelten Luftfahrzeugen liegen.
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