Die tägliche Schrittzahl kann ein hilfreicher Indikator für die körperliche Aktivität sein. Gesundheitsempfehlungen, die sich ausschliesslich an Schritten orientieren, könnten jedoch wichtige Unterschiede ausser Acht lassen.
Eine neue Studie mit mehr als 33.000 Erwachsenen aus der UK Biobank deutet darauf hin, dass auch die Verteilung der täglichen Schritte die späteren Gesundheitsfolgen beeinflussen kann.
Längere Spaziergänge und kardiovaskuläre Gesundheit
In der Auswertung hatten Personen, die den Grossteil ihrer täglichen Schritte bei längeren Spaziergängen zurücklegten, ein geringeres Risiko, aus irgendeiner Ursache zu sterben, als Menschen, deren Schritte überwiegend auf kürzere Spaziergänge entfielen.
Auch das Risiko für ein späteres kardiovaskuläres Ereignis wie einen Herzinfarkt oder Schlaganfall war bei Teilnehmenden mit längeren Gehphasen niedriger. Dieser Zusammenhang blieb selbst nach Berücksichtigung der insgesamt zurückgelegten Schrittzahl bestehen.
„Es gibt die Vorstellung, Gesundheitsfachkräfte hätten 10.000 Schritte pro Tag als Ziel empfohlen, doch das ist nicht notwendig“, sagt der Co-Hauptautor Matthew Ahmadi, ein Forscher für öffentliche Gesundheit an der University of Sydney.
„Schon ein oder zwei zusätzliche längere Spaziergänge täglich, jeweils mindestens 10-15 Minuten lang in einem angenehmen, aber gleichmässigen Tempo, können erhebliche Vorteile bringen – besonders für Menschen, die wenig gehen.“
Die umfangreiche Analyse umfasste Erwachsene im Alter von 40 bis 79 Jahren, die weder an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung noch an Krebs litten und üblicherweise weniger als 8.000 Schritte pro Tag gingen.
Eine Woche lang trugen die Teilnehmenden einen Fitnesstracker zur Erfassung ihrer Schritte. Bei der anschliessenden Auswertung stellten die Forschenden fest, dass Menschen, die den Grossteil ihrer Schritte in Abschnitten von 10 bis 15 Minuten gingen, innerhalb des folgenden Jahrzehnts eine Wahrscheinlichkeit von rund 4 Prozent für ein kardiovaskuläres Ereignis wie Herzinfarkt oder Schlaganfall hatten.
Dagegen wiesen Personen, die die meisten Schritte in kurzen Phasen von weniger als 5 Minuten machten, ein etwa 9 Prozent höheres Risiko für ein späteres kardiovaskuläres Ereignis auf.
Darüber hinaus lag das Sterberisiko bei Menschen mit längeren Spaziergängen unter 1 Prozent, verglichen mit ungefähr 4 Prozent bei jenen, die in kürzeren Abschnitten gingen.
Besonders deutlich fielen die damit verbundenen Vorteile bei den körperlich inaktivsten Teilnehmenden aus, die weniger als 5.000 Schritte pro Tag zurücklegten. In dieser Gruppe waren längere Gehphasen im Vergleich zu kürzeren Spaziergängen mit einer um bis zu 85 Prozent niedrigeren Sterblichkeit verbunden.
Aussagekraft der UK-Biobank-Analyse
So überzeugend diese Zahlen erscheinen mögen: Die Ergebnisse beruhen ausschliesslich auf Beobachtungsdaten und auf Daten zur körperlichen Aktivität aus lediglich drei Tagen bis einer Woche. Sie sollten daher vorsichtig interpretiert werden.
Gleichwohl ist die Stichprobe gross, und die Annahme, dass die Dauer körperlicher Betätigung gesundheitliche Folgen beeinflussen kann, wird durch andere aktuelle Studien gestützt.
Allerdings haben einige dieser Untersuchungen auch den gegenteiligen Zusammenhang festgestellt: Kürzere, schnellere Gehphasen könnten besser sein als längere, langsamere Spaziergänge.
Das Gehtempo wurde in der jüngsten Analyse der UK Biobank nicht umfassend untersucht. Dennoch spricht sie dafür, dass nicht allein die tägliche Gesamtzahl der Schritte berücksichtigt werden sollte.
Die Kardiologen Fabian Sanchis-Gomar von der Stanford University, Carl Lavie vom John Ochsner Heart and Vascular Institute in New Orleans sowie Maciej Banach von der Medizinischen Universität Łódź in Polen vermuten, dass längere ununterbrochene Gehphasen kardiometabolische Vorteile fördern, den Blutfluss steigern oder die Insulinsensitivität verbessern könnten – Wirkungen, die „bei kurzer, unterbrochener Aktivität weniger wahrscheinlich auftreten“.
Die Verfasser des Leitartikels, die nicht an der Studie beteiligt waren, vertreten die Ansicht, die Studienautoren lieferten ein „überzeugendes Argument“ dafür, anhaltendes Gehen künftig in randomisierten klinischen Studien zu prüfen.
Auch der angewandte Statistiker Kevin McConway, der ebenfalls nicht an der Untersuchung beteiligt war, hält die Arbeit für „faszinierend“. Er betont jedoch, dass deutlich mehr Forschung nötig sei, um die Resultate zu prüfen, bevor sie in künftige Empfehlungen zur Herzgesundheit einfliessen.
„Es ist zu früh, um zu sagen, ob und wie diese neuen Erkenntnisse in öffentliche Gesundheitsempfehlungen zu körperlicher Aktivität und Schrittzählung einfliessen sollten“, sagt McConway.
Wie längere Gehphasen die Herzgesundheit beeinflussen könnten
Emmanuel Stamatakis, Sportwissenschaftler an der University of Sydney und Autor der Studie, erklärt, bislang habe der Schwerpunkt weitgehend auf der täglichen Schrittzahl oder dem gesamten Gehvolumen gelegen. Vernachlässigt worden sei, wie Menschen gehen.
„Diese Studie zeigt, dass selbst sehr körperlich inaktive Menschen den Nutzen für ihre Herzgesundheit maximieren können, indem sie ihre Gehgewohnheiten so anpassen, dass sie möglichst mindestens 10 bis 15 Minuten am Stück länger gehen.“
Die Studie wurde in den Annals of Internal Medicine veröffentlicht.
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