Rhys Millen ist 7,62 cm größer als ich. Das wird sofort glasklar, nachdem ich die mit Sponsorenlogos beklebte Tür „seines“ Bentley Continental GT aufgeschwungen habe, meine Gliedmaßen unbeholfen durch die Öffnung im Überrollkäfig gefaltet, mich etwas zu unsanft in den festen Rennsitz fallen gelassen und den Sechspunktgurt festgezogen habe. Das Bremspedal kann ich nicht ganz durchtreten. Und der Sitz lässt sich nicht verstellen …
Also mache ich die langwierige Prozedur rückwärts und lerne den Empfang eines nahegelegenen Gasthofs kennen, damit ich mir ein goldfarbenes Samtkissen ausleihen kann. Hinter meinen Rücken geklemmt, rückt es meine Beine gerade weit genug nach vorn, damit ich die Bremsen tatsächlich mit Überzeugung bedienen kann.
Bentley Continental GT: Rekordfahrt am Pikes Peak
Denn ich vermute, dass ich sie brauchen werde. Die mit silbernem Stift auf den Käfig geschriebenen Zielzeiten zeigen, dass dieses Auto etwas Besonderes ist: Beim Pikes-Peak-Bergrennen in Colorado holte es 2019 den Rekord als „schnellstes Serienfahrzeug“ und bewältigte die 19,96 km lange Strecke in 10m 18.488s. Das lässt einen zunächst vielleicht nicht staunen, wenn man bedenkt, dass die Nordschleife etwas länger ist und ihr Serienwagenrekord mehr als drei Minuten schneller ausfällt. Berücksichtigt man jedoch, dass Pikes Peak vom Start bis zum Ziel 1.524 m Höhe gewinnt und mit insgesamt 156 Kurven sogar mehr Richtungswechsel bietet, wird die Leistung des Conti greifbar. Zumal er mehr als zwei Tonnen wiegt.
Wie viel mehr genau, kann ich nicht sagen. Ein gewöhnlicher Continental GT mit dem W12-Motor, den auch dieses Rennauto nutzt, bringt stattliche 2.244 kg auf die Waage. Ich vermute allerdings stark, dass dieser Pikes-Peak-Rennwagen etwas abgespeckt hat: Das Regelwerk erlaubt Gewichtseinsparungen als Ausgleich für die zusätzlich vorgeschriebene Sicherheitsausrüstung, und angesichts des radikalen Umbaus im Innenraum dürfte Bentley alles Überflüssige entsorgt haben. Die Klimaanlage ist verschwunden, ein Touchscreen ist zwar vorhanden, doch dahinter steckt kein Mediensystem. Zudem sorgt eine durchgängige Akrapovic-Auspuffanlage endlich dafür, dass ein Motor zu hören ist, dessen Stimme sonst stets gedämpft wird. Normalerweise findet sich in einem dieser Bentley eine ganze Herde Leder, doch hier gibt es nur zwei riesige Corbeau-Schalensitze, die den Blick aus Einmündungen zusätzlich erschweren.
Ja, Einmündungen. Bentley hat offenbar den Verstand verloren und lässt uns genau dieses Auto – jenes Exemplar, das Millen fast drei Kilometer in den Himmel hinaufgejagt hat – auf einer britischen B-Straße mit unübersichtlichen Kuppen und holprigem Asphalt fahren. Wie man es ausreichend zulassen konnte, damit es Nummernschilder tragen darf, weiß ich nicht. Drückt man den serienmäßigen Startknopf in der Mitte der völlig serienmäßigen Mittelkonsole – nachdem zuvor ein großer, äußerst nicht serienmäßiger roter Knopf die Stromversorgung des Autos aktiviert hat –, erwacht es mit einem knurrenden, ohrenbetäubenden, unverschämten Lärm. Eine Familie auf ihrem Nachmittagsspaziergang schützt instinktiv die Kinder, während ich ins ländliche Northamptonshire davondröhne.
Laut, heiß und kompromisslos
Dieses Auto greift sämtliche Sinne an: Betäubender Lärm strömt in die Ohren, während durch Öffnungen in der Spritzwand ein intensiver Abgasgeruch zieht, als würde in einem Getränkehalter eine Yankee Candle mit „99-ROZ“-Duft brennen. Zum Glück bin ich klein, wirklich. Das goldene Kissen bringt einen Hauch jener Würde zurück, die Bentley beim Entkernen dieses Wagens in den Container geworfen hat.
Einiges an diesem Auto ist beunruhigend, nicht zuletzt die Vielzahl an Warnleuchten und Meldungen, die über die Instrumente flackern und selbst Blackpools Illuminationen übertreffen würden. „Feststellbremse aktiviert!“ verkündet eine. „Fehler SOS-Taste!“ lautet eine andere. Wenn am Pikes Peak etwas gründlich schiefläuft, dürfte ein automatischer Notruf ohnehin nicht besonders hilfreich sein.
Trotz der anfänglichen Einschüchterung lässt er sich erstaunlich leicht fahren. Lässt man die Schaltwippen unangetastet, wechselt die Achtgang-Automatik höflich, wenn auch lautstark, durch die Gänge. Das Fahrwerk bleibt ebenso wie der Motor vollständig serienmäßig. Es ist allerdings in seinem härtesten Modus arretiert, während die Stabilitätssysteme auf ihre dynamischste Einstellung gesetzt sind. Weniger als zehn Prozent des Drehmoments gehen an die Vorderachse; der weitaus größte Teil der 626bhp und 664lb ft steht allein den Hinterrädern zur Verfügung.
Diese Hinterräder tragen deutlich weniger Gewicht als zuvor. Bentley kann weder ein exaktes Gewicht noch eine Verteilung zwischen Vorder- und Hinterachse nennen. Doch ein Blick hinter die massigen Sitze und auf den dahinter liegenden Käfig offenbart einen leeren Hohlraum von der Größe eines Lieferwagens. Die Beschleunigung insgesamt ist vermutlich ungefähr dieselbe wie zuvor – weiterhin gewaltig, nun aber hörbar gewaltig. Erst in der ersten Kurve zeigt sich der Unterschied zu einem serienmäßigen Conti GT ganz deutlich.
Pikes-Peak-Setup für enge Kurven
Ein Tritt aufs Bremspedal, ein oder zwei sehr laute Rückschaltungen, und meine Güte: Dieses Ding lenkt wirklich ein. Für die zahlreichen Haarnadelkurven am Pikes Peak wurde es so abgestimmt; ein deutlich beweglicheres Heck spart Sekunden, weil Millen das Auto damit in die Kurven drehen kann. Doch wer sich das Onboard-Video seines Zehn-Minuten-Laufs ansieht, das oben in der Bildergalerie eingebettet ist, wird feststellen, dass er nicht plötzlich mit großen Mengen Gegenlenken arbeitet. Tatsächlich gibt es kaum einen Moment, der auch nur entfernt danach aussieht.
Das ist keine Driftmaschine – zumindest nicht auf der Straße –, und sie wirkt auch nicht beängstigend. Es ist ein Conti GT, der auf den Zehenspitzen steht und sauber, abrupt und vor allem unterhaltsam in Kurven einbiegt. Er macht einen Heidenspaß, und das nicht nur, weil er fast buchstäblich wie ein Aufruhr klingt.
Auch die serienmäßige Fahrqualität bleibt unverändert. Durch die fehlende Dämmung nimmt man den Straßenbelag unter sich stärker wahr, doch über Unebenheiten zittert das Auto nicht herum. Dieser Bentley hat ein hartes HIIT-Training absolviert: schärfer und athletischer, als man es ihm jemals zugetraut hätte.
„Es zeigt, wozu diese Plattform fähig ist, wenn man sie bis an ihre Leistungsgrenze bringt“, sagt der Bentley-Mann zu uns. „Wir können einen normalen Bentley nicht so abstimmen, aber es zeigt, was dieses Auto kann.“
Im Video hört man außerdem gelegentliche Drehzahlsprünge, wenn Millen etwas holprig zwischen dem dritten und vierten Gang wechselt. Das ist mir ebenfalls passiert, doch ich hielt zunächst meine begriffsstutzigen Hände und Füße ohne Rennfahrerfahrung für den Grund. Offenbar erinnert der Wagen damit lediglich daran, dass dieser Bentley mit möglichst fettem Gemisch läuft.
Und das ist ein weiterer Makel auf seiner Verfeinerungsbilanz. Kurz gesagt: Dieser Pikes-Peak-Continental ist ein lauter, heißer und völlig entspannungsfeindlicher Bentley, der zudem ein wenig riecht. Er ist mein liebster Bentley aller Zeiten. Wie lange ich dieses Kissen wohl ausleihen darf …
Bewertung: 10/10
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