Fachleute schlagen Alarm: Genau dieses Denken schadet Leistungsfähigkeit und Gesundheit.
Seit vielen Jahrzehnten kursiert das Motto „No pain, no gain“ in Fitnessstudios, Laufgruppen und sozialen Medien. Die Botschaft dahinter: Nur wer leidet, trainiert vermeintlich hart genug. Aktuelle Erkenntnisse aus der Sportwissenschaft und dem Trainingsalltag vermitteln jedoch ein anderes Verständnis: Laufen kann und darf fordernd sein – anhaltende Schmerzen und extremes Quälen führen aber direkt zu Frust, Überlastung und Verletzungen.
Wie der Leidens-Mythos unser Bild vom Laufen geformt hat
In den 80er- und 90er-Jahren wurden Extremsport und bedingungslose Disziplin stark verherrlicht. In Werbespots, Filmen und Sportberichten erschienen Läuferinnen und Läufer mit schmerzverzerrten Gesichtern, die über die Ziellinie taumelten – und genau dadurch als „echte Kämpfer“ galten. Erholungspausen oder ein niedriges Tempo wurden auf einmal als Schwäche ausgelegt.
Diese Haltung wirkt bis heute nach. Viele Laufanfängerinnen, Laufanfänger und Menschen, die nach einer längeren Unterbrechung wieder beginnen, sind weiterhin überzeugt:
- Wer beim Training noch reden kann, strengt sich angeblich nicht ausreichend an.
- Gehpausen sind nur für völlige Anfängerinnen und Anfänger „zu“ – und selbst für diese nur für kurze Zeit.
- Schmerzen seien normal und würden einfach dazugehören.
Solche Überzeugungen bauen Druck auf. Steigen Puls und Atmung auf halber Strecke stark an, zwingen sich viele dennoch zum Weiterlaufen. Wer das Tempo der Laufgruppe nicht halten kann, schämt sich häufig, statt langsamer zu werden oder ein Stück zu gehen.
Die Vorstellung, nur durch Leiden besser zu werden, lässt viele genau das Gegenteil erreichen: Sie hören entmutigt wieder auf.
Wenn Trainingsdruck krank macht: Frust statt Fortschritt
Wer jeden Lauf bis an die persönliche Grenze treibt, erlebt nur selten Erfolgsmomente. Die Uhr zeigt kaum Verbesserungen, während sich der Körper dauerhaft erschöpft anfühlt. Was zunächst Freude bereitet, wird zum Zwang.
Dieser ständige Stress hat oft typische Folgen:
- Frustration: Wer nach jeder Laufeinheit völlig ausgelaugt ist, verliert schnell die Motivation.
- Selbstzweifel: Viele glauben dann, sie seien „nicht gemacht“ fürs Laufen.
- Verletzungen: Schienbein, Knie oder Achillessehne – bei übermäßigem Ehrgeiz sind Überlastungsprobleme nahezu vorprogrammiert.
Dazu kommt der soziale Aspekt. In zahlreichen Laufgruppen existiert ein stiller Wettbewerb: Niemand möchte die langsamste Person sein. Freundinnen, Partner oder Kolleginnen äußern sich zum Tempo und wollen mit ihrem „pushen“ helfen. Wenn jemand langsamer werden möchte, verstärken sie damit jedoch unbeabsichtigt Schuldgefühle und Scham.
Warum Gehen beim Laufen kein Rückschritt bedeutet
Sportpsychologinnen und Sportpsychologen unterstreichen: Eine Gehphase ist kein Aufgeben, sondern ein gezielt eingesetztes Hilfsmittel. Der Körper benötigt Abschnitte, in denen Puls und Atmung sinken, die Muskulatur kurz loslassen kann und der Kopf wieder klarer wird. Wer sich diese Pausen zugesteht, bleibt langfristiger motiviert und kann deutlich regelmäßiger trainieren.
Anstelle von „Ich halte durch, koste es, was es wolle“ empfehlen Fachleute einen veränderten inneren Dialog:
- „Ich reguliere mein Tempo, damit ich morgen wieder laufen kann.“
- „Ich nehme Gehpausen, um mein Training zu verlängern statt abzubrechen.“
- „Ich bestimme das Tempo – nicht meine Laufuhr oder andere Leute.“
Erholung ist kein Verrat am Trainingsziel, sondern Teil der Strategie – gerade für Menschen mit Job, Familie und Stress im Alltag.
Marschlauf: die unterschätzte Methode für echten Fortschritt
Eine besonders geeignete Form der Belastungssteuerung ist der Marschlauf. Dabei werden kurze Laufabschnitte bewusst mit Gehphasen abgewechselt. Dieses im Englischen als „Run-Walk-Methode“ bezeichnete Prinzip hat sich sowohl in Studien als auch im Trainingsalltag bewährt.
So setzt du Marschlauf praktisch um
Vor allem Einsteigerinnen und Einsteiger sowie Rückkehrende nach einer längeren Pause profitieren von festen Intervallen. Ein mögliches einfaches Muster sieht so aus:
- 1 Minute langsamer Lauf, 1–2 Minuten zügiges Gehen
- später: 3 Minuten Lauf, 2 Minuten Gehen
- für Fortgeschrittene: 5–8 Minuten Lauf, 1–2 Minuten Gehen
Entscheidend ist: Die Laufintervalle bleiben absichtlich locker und werden nicht am Limit gelaufen. Das Ziel lautet, ohne Atemnot durch die Einheit zu kommen. Gehpausen dürfen fest eingeplant und regelmäßig genutzt werden – nicht erst als Notmaßnahme, wenn wirklich nichts mehr geht.
Das sagt die Forschung dazu
Sportwissenschaftliche Studien weisen auf mehrere eindeutige Vorteile des Marschlaufs hin:
- niedrigeres Risiko für Überlastungsschäden
- weniger Trainingsabbrüche in Laufprogrammen für Einsteigerinnen und Einsteiger
- vergleichbare oder sogar stärkere Verbesserungen der Ausdauer als beim „nur Laufen“
- höheres subjektives Wohlbefinden während und nach dem Training
Wer mit Marschlauf trainiert, hält häufiger durch – und Konstanz ist der entscheidende Faktor für Fortschritt im Ausdauersport.
Warum das persönliche Ziel mehr zählt als jede Bestzeit
Viele Menschen beginnen mit dem Laufen, um Stress zu reduzieren, Gewicht abzunehmen oder ihr Herz-Kreislauf-System zu kräftigen. Sobald Beiträge in sozialen Medien, Lauf-Apps und Medaillen wichtiger werden, gerät dieses ursprüngliche Motiv jedoch oft in den Hintergrund. Aus einer gesundheitsorientierten Aktivität wird ein ständig messbarer Leistungstest.
Laufcoaches stellen fest, dass Menschen deutlich zufriedener bleiben, wenn sie ihre Vorhaben klar und realistisch festlegen, etwa:
- „Ich möchte dreimal pro Woche 30 Minuten in Bewegung sein – egal ob mit Lauf- und Gehphasen.“
- „Ich möchte mich nach dem Laufen wacher fühlen als vorher.“
- „Ich möchte in sechs Monaten 30 Minuten am Stück locker joggen können.“
Dagegen erzeugen Ziele wie „10 Kilometer unter 50 Minuten – egal wie“ enormen Druck. Das gilt besonders, wenn Beruf, Schlaf und Alltag ohnehin kaum Freiraum bieten.
Wie Trainer, Ärzte und Freunde das Bild vom Laufen beeinflussen
Die persönliche Einstellung zum Training entsteht nicht allein. Sie wird durch Sprüche von Sportlehrkräften, Bemerkungen in der Umkleide oder Empfehlungen der Hausärztin beziehungsweise des Hausarztes geprägt. Wo Härte und Verzicht ständig gefeiert werden, wird es schwieriger, die Signale des eigenen Körpers ernst zu nehmen.
Gesundheitsorientierte Laufangebote verfolgen inzwischen zunehmend einen anderen Ansatz. Im Mittelpunkt stehen:
- Freude und soziale Kontakte statt ausschließlich Leistungswerte
- Laufgruppen mit unterschiedlichen Tempi und Gehpausen für verschiedene Leistungsniveaus
- die Vermittlung, dass Schmerzen ein Warnsignal und kein Beweis für „richtigen Einsatz“ sind
Wer im Umfeld klar kommuniziert, dass Pausen und langsames Tempo Teil des Plans sind, verändert nicht nur sich selbst, sondern auch die Erwartung anderer.
Wie du die Signale deines Körpers besser einordnest
Viele Menschen verwechseln produktive Anstrengung mit gefährlichem Schmerz. Diese grobe Orientierung hilft dabei, die beiden Signale auseinanderzuhalten:
| Normale Belastung | Warnsignal |
|---|---|
| leichtes Brennen in der Muskulatur während des Laufs | stechender Schmerz in Gelenken oder Sehnen |
| etwas schwerere Atmung, aber Sprechen in kurzen Sätzen möglich | keine Luft für einzelne Wörter, Schwindel, Übelkeit |
| milde Muskelmüdigkeit am nächsten Tag | starke Schmerzen, die mehrere Tage anhalten oder den Alltag stören |
Bei Warnsignalen braucht der Körper Erholung, eine Anpassung des Trainingsplans oder eine medizinische Untersuchung – nicht noch mehr Willenskraft.
Konkrete Tipps für gesundes Lauftraining ohne Schmerz-Kult
Wer sich vom alten Denken nach dem Motto „No pain, no gain“ lösen möchte, kann mit kleinen Veränderungen beginnen:
- Laufe langsamer, als du meinst laufen zu müssen. Kannst du dich während des Laufens kurz unterhalten, bist du meist im passenden Bereich.
- Plane Gehpausen direkt von Beginn an ein. Warte nicht ab, bis du vollkommen erschöpft bist.
- Schau weniger auf die Uhr. Mindestens eine Trainingseinheit pro Woche ohne Druck durch Pace und Puls schafft mentale Entlastung.
- Führe ein Beschwerdetagebuch. Notiere, wann und an welchen Stellen Schmerzen auftreten. So lassen sich Muster besser erkennen.
- Sprich offen mit deiner Laufgruppe. Erkläre, dass du dein Training gesund gestalten möchtest und deshalb bewusst langsamer oder mit Gehpausen läufst.
Warum ein „zu leichtes“ Lauftraining häufig genau passt
Viele befürchten, mit sehr lockeren Einheiten keine Fortschritte zu machen. Sportwissenschaftliche Ansätze wie das Grundlagenausdauertraining zeigen jedoch das Gegenteil: Ein großer Teil des Trainings sollte sich leicht anfühlen, damit sich Herz, Lunge und Muskulatur dauerhaft anpassen können.
Wer permanent am Limit trainiert, verbessert vor allem die kurzfristige Belastbarkeit. Nicht aufgebaut wird dagegen das stabile Fundament, das für einen Halbmarathon, Marathon oder schlicht für jahrzehntelanges Joggen ohne Beschwerden erforderlich ist. Insbesondere Menschen ab etwa 40 Jahren, mit einem Bürojob oder Vorerkrankungen profitieren deutlich von einer vorsichtigeren Planung.
Auch verwandte Bewegungsformen wie zügiges Gehen, Nordic Walking oder Radfahren bei moderater Intensität führen zum selben Ziel: mehr Ausdauer bei geringerem Stress für Gelenke und Herz. Werden zusätzlich Kraftübungen für Rumpf, Beine und Füße durchgeführt, sinkt das Risiko für Laufverletzungen nochmals deutlich.
Wer sich von dem Gedanken verabschiedet, Erfolg sei nur durch Schmerz möglich, entdeckt oft eine neue Art zu laufen: ruhiger, nachhaltiger und näher am eigenen Körper. Verbesserungen zeigen sich dann nicht als spektakulärer Sprung, sondern als leise, stabile Entwicklung – mehr Minuten am Stück, weniger Pausen wegen Erschöpfung und ein freierer Kopf. Das entscheidet darüber, ob Laufen ein kurzes, quälendes Experiment bleibt oder zu einem Sport wird, der ein Leben lang begleitet.
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