Die grösste Neuerung im sechsten Teil von Milestones „Gran Turismo minus zwei Räder“-Reihe RIDE besteht darin, dass ihr Rennen nicht länger bloss für Geld oder Ansehen bestreitet: Stattdessen seid ihr auf einem internationalen Motorradrennfestival unterwegs. Packt den Schlafsack ein und macht euch auf ein Wochenende mit überteuerten Pommes für 17 £ aus der Styroporschale gefasst, denn RIDE orientiert sich nun stark an Forza Horizon.
RIDE 6 und das Fahrgefühl der Motorräder
Das Festival-Konzept prägt den Gesamteindruck des Spiels erheblich, doch zunächst geht es ums Motorradfahren. Das Mailänder Studio Milestone ist auf diesem Gebiet ein Spezialist – nein, der Spezialist. Neben RIDE entwickelt das Team auch die Reihen MotoGP, Superbike World Championship, MXGP und Supercross; entsprechend dürften im Studio zahlreiche unterschiedliche Fahrmodelle vorhanden sein. Die Entwickler wissen, wie sich ein Sportmotorrad wie ein Herzstillstand bei 354 km/h anfühlen muss, wie sich ein Bagger wie ein Kanalboot auf Rädern fährt – und natürlich alles dazwischen. Neu sind diesmal auch Geländemotorräder.
Im Vergleich zu den zuvor genannten Rennspielreihen verzeihen die Maschinen hier etwas mehr. Ihr könnt später in Kurven hineinbremsen und am Kurvenausgang beherzter ans Gas gehen. Mehrere Einstellungen erleichtern zudem den Einstieg, darunter die Arcade-Fahrphysik und die üblichen Fahrhilfen. Letztlich möchtet ihr die Motorräder jedoch in ihrer reinsten Form erleben. Ohne Hilfen bleibt das Fahren eine auffallend anspruchsvolle Angelegenheit: Ihr müsst die Eigenheiten jeder Klasse respektieren und gleichmässige, kontrollierte Bremsmanöver lernen, während Vorder- und Hinterradbremse getrennt voneinander bedient werden.
Gerade dieser lange, von Kies geprägte Weg zur Meisterschaft ist – wie schon in den Vorgängern – der reizvollste Teil von RIDE 6. Deshalb dient die Liste mit 340 Motorrädern nicht bloss dazu, die Produktseite zu füllen. Ähnlich wie in Forza Horizon macht es grossen Spass, Zeit mit unterschiedlichen Maschinen zu verbringen und ihre Stärken herauszufinden: Welche Modelle passen am besten zum eigenen Fahrstil? Welche funktionieren auf bestimmten Strecken besonders gut? Damit lassen sich viele Abende verbringen. Wir haben es getan.
Fahrschule und Legenden in der RIDE-6-Karriere
Zwei neue Bestandteile der Karriere von RIDE 6 machen dieses Streben nach Motorradbeherrschung noch reizvoller. Zuerst wäre da die Bridgestone Riding School, die anfangs wie ein leicht überspringbares Standard-Tutorial wirken könnte. Beschäftigt ihr euch näher damit, offenbart sie sich als deutlich umfangreicher: Sie vermittelt für jeden Motorradtyp spezielle Techniken und lässt euch die gelernten Grundlagen anschliessend auf einem kurzen Streckenabschnitt anwenden. Wenn ihr die PTSD vom Abarbeiten der Lizenzen in Gran Turismo verdrängen könnt, entsteht daraus ein überraschend fesselnder Modus.
Das zweite und zugleich beste Element von RIDE 6 insgesamt ist die „Legenden“-Liste. Zehn reale Fahrer aus verschiedenen Rennsportdisziplinen fungieren als Kapitelbosse und blicken selbstgefällig auf euch herab, während ihr zu Spielbeginn aus ihrer sicheren Position heraus startet. Um die Gelegenheit für ein direktes Duell zu erhalten, müsst ihr in jeder Kategorie eine lange Reihe von Veranstaltungen abschliessen. Besiegt ihr sie, gehört ihre Ausrüstung euch.
Dabei gefällt nicht nur die abwechslungsreiche Auswahl mit ihrem Hipster-Ansehen. Gut, das trägt erheblich dazu bei – Troy Bayliss! James Toseland! Casey Stoner! Guy Martin! –, doch ebenso wichtig ist die Spannung, welche diese Struktur dem Spiel verleiht. Auf Einzelspieler ausgerichtete Rennspiele brauchen ein grosses, grell leuchtendes „Warum“, das euch zum Weiterfahren und Fortschreiten motiviert. Der einfache Anreiz, euch gegen die Allerbesten zu beweisen und danach mit ihrem Helm davonzufahren, erfüllt genau diese Aufgabe.
RIDE Fest bleibt hinter Forza Horizon zurück
Nun ist es Zeit für eine ehrliche Einschätzung des Festival-Teils. RIDE Fest verleiht den zahlreichen Einzelveranstaltungen einen gemeinsamen thematischen Rahmen und etwas ansprechende Kulisse; beides erfüllt seinen Zweck. Doch wer 2026 ein Festival in ein Rennspiel integriert, muss sich zwangsläufig mit Forza Horizon vergleichen lassen – jener Reihe, die dieses Konzept etabliert und mit einem Produktionsaufwand sowie Feinschliff versehen hat, den nur wenige Studios realistisch erreichen können. Während eurer Rennen kommentieren nicht unzählige DJs das Geschehen, und im Hintergrund stehen keine gewaltigen Zelte mit riesigen Menschenmengen und Lasershows. Auch explosive, von Michael Bay abgesegnete Showcase-Veranstaltungen zum Abschluss jedes Kapitels fehlen. Es gibt Banner, einen DJ, der Musik auflegt, und … kaum mehr. Auf diesem Festival könnte man im Zeltlager tatsächlich schlafen.
Um ein so ambitioniertes Konzept umzusetzen, muss Milestone härter und klüger arbeiten als viele Konkurrenten. So lobenswert das Ergebnis auch ist, unterwegs fallen einige Kompromisse auf. Beispielsweise teilt das Spiel einen grossen Teil seiner kosmetischen Inhalte, etwa Helme und „Hinternaufnäher“-Designs, mit der MotoGP-Reihe. Auch die Einführung des Arcade-Fahrverhaltens erinnert stark an die jüngste Veröffentlichung dieser Serie.
Das hindert RIDE 6 jedoch nicht daran, ein Erfolg zu sein. Unabhängig vom Festival-Schmuck dreht sich weiterhin alles darum, ein riesiges Angebot äusserst detaillierter und physisch fordernder Motorräder zu beherrschen. Dank der zusätzlichen Struktur, die eure Fortschritte lenkt und ihnen Konturen gibt, macht das mehr Spass denn je.
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