Der Rimac Nevera hat den Rekord für die schnellste Runde eines Elektroautos auf der Nürburgring-Nordschleife pulverisiert: Für die 20,832 km benötigte er 7min05,298s.
Das ist eine herausragende Zeit – auf jedem Niveau – und sie liegt 20 Sekunden unter jener des bisherigen Rekordhalters Tesla Model S Plaid. Das entspricht fast einer Sekunde Vorsprung pro Kilometer. Angesichts der Unterschiede zwischen den beiden Fahrzeugen überrascht das kaum.
Schließlich verfügt der Nevera über beinahe 900 PS mehr als der 1020 PS starke Tesla. Zudem wurde der breite, extrem flach gebaute Hypercar von Grund auf für diese Aufgabe entwickelt, während sein amerikanischer Rivale eine Limousine ist.
Rimac deutete außerdem an, dass noch Potenzial für eine bessere Zeit vorhanden sei, da die Bedingungen bei diesem Rekordversuch alles andere als ideal waren …
… aber hätte er trotzdem nicht deutlich schneller sein müssen?
Die Leistung bleibt bemerkenswert, wirkt im Vergleich mit Verbrennern allerdings etwas weniger eindrucksvoll.
So ist etwa der Porsche 911 GT3 (992) mit „nur“ 510 PS – also fast viermal weniger als die 1914 PS der vier Elektromotoren im Nevera – fünf Sekunden schneller: 6min59,927s. Dabei ist noch nicht einmal vom GT3 RS, dem Downforce-„Monster“, die Rede …
Noch fragiler erscheint die Leistung des Rimac Nevera im Vergleich mit dem aktuellen Inhaber des Rundenrekords in der „grünen Hölle“, dem hybriden Mercedes-AMG One.
Bei seiner – letztlich späten – Markteinführung beeindruckte der deutsche Hyper-Sportwagen auf der Geraden nicht alle, auch wegen Fahrzeugen wie dem Nevera. Auf dem Nürburgring fuhr er jedoch eine Runde in 6min35,183s – eine halbe Minute schneller, obwohl ihm 850 PS fehlen!
Auf der Geraden lässt der Nevera tatsächlich nahezu allem keine Chance. Er ist das schnellste Serienfahrzeug der Welt beim Beschleunigen und stellte an einem einzigen Tag 23 Rekorde auf, auch wenn einige davon inzwischen von anderen Fahrzeugen beansprucht wurden.
Kommen Kurven und Bremszonen hinzu, verbunden mit einem Asphalt, der wie auf der deutschen Rennstrecke weit von perfekt entfernt ist, kann selbst die außergewöhnliche Beschleunigung des Nevera den Abstand zu anderen Supersportwagen oder sogar zu vergleichsweise „bescheidenen“ Sportwagen wie dem 911 GT3 nicht ausgleichen.
Leistung ist nicht alles
Oft heißt es: „Leistung ist nicht alles“. Gibt es dafür ein besseres Beispiel? Die relative „Langsamkeit“ des Nevera beruht nicht auf mangelnder Kompetenz seiner Ingenieure – ganz im Gegenteil … –, sondern auf seiner Natur als Elektroauto, das wie alle anderen unter zu hohem Gewicht leidet.
Allein die 120-kWh-Batterie des kroatischen Hypercars wiegt mehr als 700 kg. Das ist sogar mehr als die ohnehin beachtlichen 560 kg des massigen 8.0 W16 mit vier Turboladern samt Doppelkupplungsgetriebe im Schwergewicht Bugatti Chiron(!).
Insgesamt bringt der Nevera 2150 kg auf die Waage – für solche Einsätze ein eindeutig hoher Wert. Der Porsche 911 GT3 kommt auf 1435 kg, und selbst der deutlich schwerere Mercedes-AMG One gibt 1695 kg an.
Der Unterschied ist gewaltig und macht sich genau dort bemerkbar, wo er am wichtigsten ist: beim Bremsen und in Kurven. Die Gesetze der Physik sind unerbittlich. Weder ein niedriger Schwerpunkt noch Drehmomentverteilung oder Downforce können ihn retten.
Für Elektroautos bleibt viel zu tun
Das Nürburgring-Ergebnis des Rimac Nevera zeigt, dass bei Elektroautos weiterhin viel Entwicklungsarbeit nötig ist. Vor allem muss eine effizientere Methode gefunden werden, die benötigte elektrische Energie zu speichern.
Die Energiedichte der derzeit besten Lithium-Ionen-Batterien ist verschwindend gering. Bei Festkörperbatterien wird sie zwar höher ausfallen, doch auch sie werden den Abstand zu flüssigen Kraftstoffen wie Benzin nur in begrenztem Maße verringern.
Solange diese Lücke nicht deutlich kleiner wird, werden Elektroautos weiter unter ihrem hohen Gewicht leiden. Das gilt ironischerweise trotz ihrer wesentlich kompakteren und leichteren Motoren, deren Leistungsdichte Verbrennungsmotoren nur erträumen können.
Bis dahin werden selbst die besten und exotischsten Vertreter leistungsstarker Elektroautos, darunter der Rimac Nevera, auf vielen Rennstrecken weltweit weiterhin von weniger extremen Verbrennern geschlagen werden.
Kommentare
Noch keine Kommentare. Sei der Erste!
Kommentar hinterlassen