Zum Inhalt springen

Fußball und die Illusion der Kontrolle

Person mit Fußball am Schoß schaut Fußballspiel auf Laptop, Fernseher zeigt Spielsituation, Kind im Hintergrund

Meine ersten Erinnerungen an eine Fußball-Weltmeisterschaft reichen ins Jahr 1982 zurück. Es gab nur zwei Fernsehsender, und die Spiele, die ich gelegentlich sehen konnte, flimmerten noch in Schwarz-Weiß über den Bildschirm. Ich erinnere mich an die Sowjetunion mit Dassajew, an Peter Shiltons England, an Paolo Rossis Italien, an Camachos Spanien und vor allem an jene faszinierende brasilianische Auswahl mit Zico, Sócrates, Cerezo, Falcão und so vielen weiteren Fußballzauberern.

Später begann ich, angeregt durch meinen Cousin Luís, mit Kronkorken zu spielen und dabei die Weltmeisterschaft nachzustellen. Wir bildeten sämtliche Mannschaften nach – genauer gesagt: Er tat es. Mit beinahe liturgischer Geduld schnitt er die Trikots jeder Nationalmannschaft aus glänzendem Papier aus. Die Rückennummern entnahm er Wandkalendern. Jeder Kronkorken war nicht mehr bloß ein Kronkorken, sondern ein Fußballspieler.

Vielleicht begriff ich damals, ohne es bewusst zu merken, dass Fußball nie nur Fußball war. Er war Spiel, Vorstellungskraft, Wettbewerb und Theater zugleich. Es ging um Ergebnisse, aber ebenso um Geschichten. Er war Farbe, selbst als das Fernsehen noch schwarz-weiß sendete.

Fußball als Schule der Emotionen

Kinder erfinden Spiele, um zu lernen, die Welt zu beherrschen. Erwachsene, so scheint es, verlieben sich in Fußball, damit sie nicht vergessen, dass sie diese Welt niemals vollständig beherrschen werden. So kam der Fußball in mein Leben: nicht als rationales Fachgebiet, sondern als Unterricht in Emotion, Zugehörigkeit und Fantasie. Vielleicht wundert es mich deshalb bis heute, wie erwachsene, fähige und normalerweise besonnene Menschen einen Fernseher anschreien, über Entscheidungen streiten, auf die sie keinen Einfluss haben, und unter Niederlagen leiden, die ihnen streng genommen gar nicht gehören – so wie es mir bisweilen selbst passiert.

Manche erkennen darin lediglich Unreife oder Anzeichen von Barbarei. Ich sehe darin auch eine gesellschaftlich akzeptierte Form der Katharsis.

Wir leben in einer Zeit, die vom Kontrollbedürfnis besessen ist. Wir zählen Schritte, Schlafstunden, Produktivität, Kalorien, Leistung, Risiken und Wahrscheinlichkeiten. Vor einer Entscheidung suchen wir Daten; bevor wir vertrauen, verlangen wir Kennzahlen; ehe wir handeln, erwarten wir Prognosen. Für beinahe alles erstellen wir Karten, als ließe sich das Leben auf eine ausreichend präzise gemessene Menge von Variablen reduzieren.

Und dann setzen wir uns vor ein Spiel, dessen größter Reiz gerade darin besteht, dass wir fast nichts daran kontrollieren können. Fußball ist womöglich die einzige Tätigkeit, bei der wir dafür bezahlen, unsere Prognosen scheitern zu sehen. Was mir durchaus schwerfällt …

Wir sagen, eine Mannschaft sei Favorit, eine andere verfüge über weniger Mittel, die Geschichte wiege schwer, die Statistik deute in eine bestimmte Richtung. Dann genügt ein Abpraller, ein Elfmeter, ein Pfostenschuss, ein überragender Torwart oder ein Platzverweis, und alles ist anders.

Fußball, Daten und die Unberechenbarkeit

Vielleicht wird deshalb heute so viel über Fußball theoretisiert. Noch nie gab es so viele Daten, Kennzahlen, Modelle und so viel Fachvokabular. Wir sprechen über hohes Pressing, mittlere Blöcke, erwartete Tore, Raumaufteilung, Tiefenkontrolle, offensive Mechanismen, Bewegungen im Zentrum oder Verhalten ohne Ball.

Darin steckt jedoch auch eine eigentümliche Illusion: die Annahme, wir könnten den Zufall endlich zähmen, wenn wir über Fußball sprächen wie ein Ingenieur über eine Brücke. Analyse schärft das Verständnis, doch sie beseitigt die Ungewissheit nicht. Und das ist gut so. Würde der Favorit stets gewinnen, verlöre der Fußball einen Teil seiner Schönheit. Hätten alle Modelle immer recht, fehlte dem Spektakel einer seiner wichtigsten Rohstoffe: die Überraschung.

Das Problem besteht daher nie darin, Fußball intensiv zu erleben. Es beginnt dort, wo vergessen wird, dass Intensität die Verantwortung nicht außer Kraft setzt.

Zwischen dem Jubelschrei über ein Tor und der Demütigung eines Spielers, der scheitert, liegt ein Unterschied. Ebenso zwischen der Kritik an einem Schiedsrichter und der Aberkennung seiner Menschlichkeit. Und es ist etwas anderes, eine taktische Entscheidung zu beanstanden, als aus einem Spieler, Trainer oder gegnerischen Fan einen Feind zu machen. Fußball verträgt emotionale Irrationalität; Entmenschlichung sollte er nicht hinnehmen.

Leidenschaft ohne Grausamkeit

Darum verkennt man das Phänomen, wenn man von Fans absolute Nüchternheit verlangt. Niemand kauft eine Eintrittskarte, zieht ein Trikot an oder trifft sich mit Freunden, um live eine statistische Analyse zu verfolgen. Man geht zum Fußball, um zu fühlen, zu hoffen, sich zu fürchten und gegen alle Belege zu glauben. Doch diese emotionale Erlaubnis hat Grenzen. Fußball verliert etwas von seiner Größe, sobald Leidenschaft in Grausamkeit umschlägt. Wenn Kritik nicht länger Leistungen bewertet, sondern Menschen angreift. Wenn das Spektakel keine gemeinsame Erfahrung mehr ist, sondern zum Vorwand wird, Ressentiments freizusetzen.

Ein Fan muss weder neutral noch in allem gemäßigt oder vollkommen rational sein. Er kann leidenschaftlich sein, ohne brutal zu werden. Er kann leiden, ohne zu beleidigen. Er kann feiern, ohne andere zu erniedrigen. Er kann für neunzig Minuten den Kopf verlieren, ohne zu vergessen, dass am Ende weiterhin Menschen auf dem Platz und auf den Rängen stehen.

Denn Fußball ohne Emotionen wäre bloß körperliche Betätigung. Und ein Fußball, in dem alles vorhersehbar wäre, nur eine technische Vorführung. Wir kehren immer wieder zurück, weil es trotz aller Theorien, Statistiken und Modelle noch immer neunzig Minuten gibt, die uns daran erinnern, dass die Welt größer bleibt als unser Bedürfnis, sie zu kontrollieren.

Kommentare

Noch keine Kommentare. Sei der Erste!

Kommentar hinterlassen