Ein Übersetzer war zwar vor Ort, nötig war er aber nicht: Die Regeln des stämmigen Polizisten waren eindeutig, gerecht und mit meinem grundlegenden Verständnis internationaler Handzeichen problemlos zu erfassen. „KEINE BURNOUTS. KEIN RASEN.“ Leider wurden beide Vorgaben umgehend ignoriert und gebrochen.
Der Plan – sofern man dieses Wort hier überhaupt verwenden darf – bestand aus einer unkomplizierten, fröhlichen Parade von der Rennstrecke ins Zentrum von Most. Zum Ärger der örtlichen tschechischen Polizei hatten die mitfahrenden Trucker die Nachricht allerdings nicht erhalten. Sie legten sofort einen Truckhana-Auftritt hin, drifteten durch jeden Kreisverkehr, hinterliessen meterlange Reifenspuren nach 200 Meter langen rollenden Burnouts und verdrängten das Konzept des „Bremswegs“ offenbar vollständig.
[Themenkarussell]
Fotografie: Mark Riccioni & John Wycherley
Ich weiss nicht, ob Sie schon einmal gesehen haben, wie ein Renntruck alle sechs Reifen blockieren lässt und beinahe einem Lamborghini Huracán Tecnica ins Heck fährt – doch es ist ein beängstigender Anblick. Dank eines überdrehten Teenagers lässt sich genau diese Szene nun auf TikTok anschauen. Ein kleiner Stoss von einem sechs Tonnen schweren Fahrzeug wäre selbst in der geschützten Umgebung der makellosen Rennstrecke, auf der wir die zwei vorangegangenen Tage unterwegs gewesen waren, unerquicklich genug gewesen. Doch wir befanden uns – ich kann kaum glauben, dass ich das schreibe – auf öffentlichen Strassen. Und zwar nicht auf gesperrten: Sie waren voller Verkehr und gesäumt von Tausenden ausgelassener Einheimischer, darunter Babys im Kinderwagen und Grossmütter mit Rollatoren.
Wie auch immer: Dass Top Gear überhaupt beteiligt war, verdankten wir einer seltsamen Mischung aus Zufall, Glück und verwirrenden Sprachbarrieren. Als ich zu Beginn des Jahres eine E-Mail an ein anonymes Postfach schickte und fragte, ob wir eine relativ unbekannte Strecke in Tschechien für die Speed Week nutzen dürften, konnte ich nicht ahnen, dass unser Wunschtermin auf das 30-jährige Jubiläum des Czech Truck Prix fallen würde. Wie sich herausstellte, ist das der Monaco GP des Truck-Rennsports – nur ohne all die Monaco-Elemente. Die Termine überschnitten sich jedoch tatsächlich. So erhielten wir eine nie dagewesene Gelegenheit: die Speed Week mit anderen zu teilen und den Sieger live vor einem Publikum zu verkünden, für das Englisch nicht einmal die zweite Sprache ist.
Speed Week in Most: Die Parade lockt die Massen an
Damit auf den Tribünen aber auch wirklich Menschen sitzen würden, mussten wir erst Aufmerksamkeit schaffen. Deshalb führte Stig die Parade durch die Stadt an, wie eine Art Rattenfänger für Leistung und Querfahrten. Und es funktionierte hervorragend. Die Energie und Reaktionen in Most waren schlicht unglaublich. Ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass selbst ein flitzender Harry Styles nicht für eine solche Aufregung sorgen könnte. Die Einheimischen lieben ihre Autos. Sie drängten sich für Selfies, manche suchten verzweifelt nach dem vierten Rad des Morgan, und Kinder, Hunde sowie die Grossmütter mit ihren Rollatoren umringten Stig für ein Autogramm – ohne zu wissen, dass Stig gar keine Unterschrift besitzt. Geschweige denn weiss, was das überhaupt ist. Doch die Parade war erst der Anfang.
Am folgenden Tag kehrten wir zur Strecke zurück und öffneten die Türen der Top Gear magazine Motor Show. So würden wir es jedenfalls Alan Sugar erzählen, falls wir bei The Apprentice mitmachten. Tatsächlich sammelten wir Chipstüten auf, versuchten halbherzig, die Autos ordentlich zu parken, und stellten ein paar im Internet gedruckte Banner auf, damit niemand unseren glänzenden Glaskasten über Kurve 1 mit der Kantine verwechselte. Zu unserer Überraschung kamen die Leute tatsächlich – zu Tausenden. Und es war faszinierend, die Stimmung des Publikums zu beobachten.
Man könnte natürlich meinen, dass die auffälligen, bunten und teuren Fahrzeuge Familien von den Ständen mit Würstchen und Tand weglocken würden. Falsch gedacht. Ausgerechnet der verdammte Morgan zog die Menschen an und übernahm den Löwenanteil der Arbeit, Besucher durch die Tür zu bringen. Waren sie erst einmal drin – die Organisatoren des Genfer Autosalons können also beruhigt schlafen –, hüpften sie wie Flipperkugeln zwischen den übrigen Autos umher, schauten in den Praga, klopften auf die Carbonteile des CSL und rätselten über die Türscharniere des MC20. Seltsamerweise machten sie danach ein Selfie mit einem Papp-Stig und verschwanden sofort wieder. Als hätte jemand eine Stinkbombe gezündet. Hatte aber niemand. Das Rennen hatte lediglich begonnen. Und wenn dieses Publikum etwas noch mehr liebte als Autos, dann war es Rennsport. Der Truck Prix bot ehrlichen Würstchen-und-Bier-Rennsport an der Basis – und war gerade deshalb umso besser.
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Czech Truck Prix: Lauter Rennsport mit viel Herz
Mancher Motorsport ist in den vergangenen Jahren zu stark durchinszeniert worden, weshalb die Leidenschaft und Begeisterung beim Truck Prix wohltuend erfrischend wirkten. Trucker, Familien und Fans aus ganz Europa reisten an, um ihre Unterstützung zu zeigen, und schufen eine Atmosphäre voller Charakter und Herzlichkeit. Das Cholesterin schien förmlich in der Luft zu liegen, während die grossen Zugmaschinen entlang der Strecke beinahe schon ein eigenes Event darstellten. Viele waren bis an die Grenze des schlechten Geschmacks mit Airbrush-Motiven versehen, alle trugen eine Auswahl an Leuchten und Hupen, und einer hatte sogar einen weinenden Kilometerzähler, der verriet, dass er rechnerisch bereits dreimal zum Mond und zurück gefahren war.
Um nicht aufzufallen, assen wir XL-Gurken, plünderten die Merchandise-Stände nach Stroh-Cowboyhüten und patriotischen Lamellenbrillen und gesellten uns zu den Maurerdekolletés auf dem Graswall, um das Geschehen zu verfolgen. Und es gab reichlich Geschehen. Lärm auch. Und Spannung. Erstaunlich schnell gewöhnten sich unsere Ohren an das Pfeifen der Turbos, die aus der letzten Kurve heraus hochdrehten. Anschliessend schossen Dieselschwaden gen Himmel, sobald diese grossen, schweren Maschinen in den Begrenzer knallten, bevor sie sich durch die extrem enge erste Kurve kämpften.
Eines lernten wir rasch: In jedem Rennen gibt es normalerweise einen grossen Unfall. Nicht unbedingt wegen der Geschwindigkeit, sondern weil Verkleidungsteile und Komponenten in der Grösse eines Autos dazu neigen abzufallen. Doch diese Fahrer sitzen zwei Meter über dem Boden und schert das nicht – sie bleiben voll auf dem Gas, bis jemand als Erster die Ziellinie überquert. Danach humpeln sie zurück an die Boxen, wo kräftige Mechaniker Motoren in Kleiderschrankgrösse herauswinden, weitere karosseriegrosse Verkleidungsteile montieren und die Trucks wieder auf die Strecke schicken. Währenddessen nutzten wir die Gelegenheit für eine Paraderunde: ein letztes Mal unseren inneren Terry Grant herauszulassen, noch ein paar Burnouts zu drehen, die Motoren hochzudrehen und vor dem Publikum unseren Sieger auszurufen. Und was für ein Sieger das war.
Porsche Cayman GT4 RS gewinnt die Speed Week 2022
Ob Sie es glauben oder nicht: Bei der Speed Week ist Einigkeit normalerweise schwer zu erzielen. Doch in diesem Jahr gab es ein Auto, das bei allen eine seltene, beinahe erhellende Anziehungskraft auslöste. Ein Fahrzeug, von dem wir nie erwartet hätten, dass es existieren würde – vor allem, weil es die interne Hierarchie durcheinanderbringen würde, welche schnellen Autos im Porsche-Stammbaum wo ihren Platz haben sollten. Doch da das Zeitalter der Verbrennungsmotoren offenbar seinem Ende entgegengeht, umgibt dieses Auto eine spürbare „jetzt oder nie“-Stimmung.
Also warfen die Ingenieure Bürokratie und Zweifel über Bord und kombinierten einen der besten Sportwagenmotoren der Welt mit dem besten Sportwagenchassis der Welt. Anschliessend statteten sie ihn mit geradezu köstlicher Lenkung und kräftigen Bremsen aus und fanden auf dem schmalen Grat des Designs die Balance, bei der zurückhaltende Aggression zielgerichtet statt überzogen wirkt. Sie machten ihn schnell, aber nicht überschallschnell, um ein Vertrauen zu schaffen, das Sie dazu herausfordert, stärker zu pushen, Ihre Grenzen auszuloten und schneller zu fahren. Er ist authentisch. Ein Auto, das Ihnen nicht nach dem Mund redet und Sie nicht schmeichelt, nur um alles einfacher zu machen. Wer es richtig anstellt, wird belohnt. Wer Fehler macht, wird aber auch nicht bestraft.
Er ist intensiv und haptisch und verteilt die Freude gleichmässig auf alle Sinne. Dieses Auto lässt Ihre Ohren in jedem Drehzahlbereich nach mehr Klang verlangen, schenkt Ihnen aber jedes Mal kalte Gänsehaut, wenn Sie es bis zu seinem spritzigen, elektrisierenden, metallischen Drehzahllimit von 9.000 U/min drehen. Und das dürfen Sie ganz legal. Zugleich ist es der erste einfühlsame Sportwagen der Welt: ein Auto, das Sie anschreit, aber nicht die anderen. Klein, aggressiv und alltagstauglich. Ein Adventskalender, den Sie jeden Tag öffnen können. Ihr Lieblingssong, den Sie nie aus der Dauerschleife nehmen möchten. Er ist das Tonikum, das die Autowelt braucht, und der Gewinner der Speed Week 2022: der Porsche Cayman GT4 RS.
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