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Was ist Formel 1 wirklich? Max Verstappen und das Drama

Formel-1-Rennwagen von Red Bull Racing auf Rennstrecke in schneller Kurvenfahrt.

„Als reiner Fahrer fahre ich gern immer am Limit. Im Moment kann man so nicht fahren“, brummelte Max Verstappen nach seiner ersten Ausfahrt mit der neuen Generation von F1-Autos. „Das ist einfach nicht Formel 1.“

Verstappens Aussagen werfen eine wichtige Frage auf. Nicht etwa: Ist er jemals über nichts verärgert? Sondern die grössere: Was ist Formel 1 eigentlich?

Für Max geht es darum, kompromisslos Vollgas zu geben, bis man gewinnt, das Auto explodiert – oder beides passiert.

Kann man so sehen. Allerdings wurden genau die neuen Regeln, über die Verstappen sich beschwert, eingeführt, um den Rennsport zu verbessern: mehr Überholmanöver, dichteres Hinterherfahren, eben das, was sich Fans angeblich wünschen.

Was zählt also? Fahren am Limit oder direkte Duelle Rad an Rad? Oder doch etwas völlig anderes? Was ist der Sinn der F1?

Formel 1: Der Gipfel wovon genau?

Laut der Formel-1-Website – auf der mehr Sponsorenlogos als echte Informationen stehen – ist die F1 „der Gipfel des Motorsports“.

Schön. Aber der Gipfel wovon genau?

Geschwindigkeit? Nun ja. F1-Autos sind zweifellos sehr schnell. Doch ohne die Fesseln von 267 Seiten Regelwerk könnten sie deutlich schneller sein. Einen McMurtry-Lüfter unter den Unterboden montieren, aktive Aerodynamik erlauben, die Budgetobergrenzen streichen – und die Autos würden pro Runde zehn Sekunden schneller fahren. Wäre das sehr gefährlich? Allerdings. Aber verdammt schnell wäre es auch.

Fahrerkönnen? Ja, zwei Stunden lang eine extrem komplexe Maschine bei hohen G-Kräften und Cockpit-Temperaturen zu steuern, die normale Menschen schmelzen lassen würden, ist übermenschlich. Doch wie oft wird uns dieses übermenschliche Niveau wirklich bewusst? Reifenverschleiss zu managen ist schwerer zu würdigen als diese Rettungsaktion auf einem Motorrad.

Rennaction? Bitte. Auf einer einzigen Runde einer lokalen Stockcar-Strecke gibt es mehr Zweikämpfe Rad an Rad als in einem modernen Grand Prix.

Ingenieurskunst? Schlupflöcher in einem Regelwerk so dick wie ein Telefonbuch aufzuspüren, ist clever. Aber ist es spannend? Niemand liegt nachts wach und denkt: „Ich frage mich, was Mercedes mit seinen Endplatten-Canards gemacht hat?“ Will man Kinder für MINT begeistern, sollte man ihnen den Pikes-Peak-Rennwagen von VW oder den Bloodhound LSR zeigen.

Die F1 sagt nicht klar, welchen dieser Gipfel sie erklimmen möchte – vielleicht, weil die Antwort lautet: eigentlich keinen davon.

Man könnte daraus leicht schliessen, dass die F1 keinen einzelnen Zweck hat, sondern eher eine Ansammlung unförmiger Auswüchse ist. Doch das wäre ihr gegenüber ungerecht.

F1 als sportnahe Seifenoper

Denn die F1 ist tatsächlich der Gipfel von etwas – von etwas, das sie nie offen eingestehen wird.

Sie ist der Höhepunkt der sportnahen Seifenoper.

In jeder Saison schalten mehr Menschen für die F1 ein als für MotoGP, das bessere Rennen bietet, oder die WRC, die spektakulärer ist, oder fast jede andere Motorsportserie.

Nicht, weil die F1 am schnellsten ist, die besten Duelle Rad an Rad liefert oder am bahnbrechendsten arbeitet.

Sie ist vielmehr zu etwas völlig anderem geworden: zu einer Reality-TV-Show im Wert von 2 Milliarden Pfund mit schönen Menschen, teuren Maschinen, exotischen Schauplätzen und gerade genug sorgfältig gesteuerter zwischenmenschlicher Spannung, damit das Publikum Woche für Woche zurückkehrt.

Das Drama ist das eigentliche Produkt. Die Rennen dienen nur als Handlungskniff, damit es in Drive to Survive etwas gibt, worüber man streiten kann.

Deshalb sind F1-Fans ständig über irgendetwas empört. Die eine Hälfte meint, es müsse um Geschwindigkeit gehen. Die andere hält Rennen für das Entscheidende. Die wiederum andere Hälfte besteht auf Technik. Sie sehen unterschiedliche Sendungen. Doch sie alle schauen zu.

Warum Streit zur Formel 1 gehört

Diese Unschärfe ist keineswegs neu. Anders als Max vielleicht glaubt, war die Formel 1 nie ein unbefleckter, einfacher Test reiner Fahrkunst – nicht das verbrennungsmotorische Gegenstück zu einem Dutzend griechischer Athleten, die für ein paar Runden in Olympia ihre Kleidung abwerfen. Seit jeher ist sie ein unbeholfener Tanz zwischen fahrerischem Können und technischer Innovation, zwischen Tempo und Sicherheit, zwischen dem Ausreizen des Gesetzeswortlauts und blankem Betrug.

Doch darin liegt die Genialität: Ob zufällig oder absichtlich, die Unklarheit über den Zweck der F1 schadet ihrer heutigen Beliebtheit nicht. Sie hilft ihr. Weil sie sich nicht festlegt, nur Geschwindigkeit, Rennen oder Technologie zu sein, kann jeder seine eigene Version in sie hineinprojizieren.

Tempo-Fans toben, wenn Regeln die Autos verlangsamen. Rennfans verzweifeln, wenn Aerodynamik Überholmanöver ruiniert. Technikfans schäumen wegen Budgetobergrenzen. Anschliessend können alle darüber streiten, wessen Version die richtige ist. Für die F1 ist das kein Problem. Das ist Aufmerksamkeit. Kontroversen bringen Klicks.

Falls du anderer Meinung bist, bestätigt das genau den Punkt. Max Verstappen beschwert sich: „Das ist nicht Formel 1“? Offenbar ist genau das das Formel-1-hafteste überhaupt: darüber zu streiten, was F1 eigentlich ist.

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