Ein neuer Online-Trend sorgt für Aufsehen: Menschen huschen, krabbeln und springen auf allen vieren umher, filmen sich dabei und erzielen mit ihren Videos grosse Aufmerksamkeit.
Diese Praxis heisst Quadrobics – und sie ist zweifellos ein spektakulärer Anblick.
Befürworterinnen und Befürworter von Quadrobics sagen, die Bewegungen förderten Fitness, Kraft und Beweglichkeit. Zudem könne die Praxis sogar eine spirituelle Dimension haben, weil sie die Verbindung zur Natur und zum „ursprünglichen“ Selbst stärke.
Der Begriff Quadrobics setzt sich aus quattuor, dem lateinischen Wort für vier, und Aerobic zusammen. Aerobic bezeichnet rhythmische, sich wiederholende Übungen, bei denen grosse Muskelgruppen beansprucht werden – etwa beim Laufen.
Doch ist diese Trainingsform tatsächlich gesund? Handelt es sich lediglich um eine weitere Modeerscheinung, die durch unsere Aufmerksamkeitsökonomie viral geht? Oder trifft vielleicht beides zu?
Von Weltrekorden bis zur Therianer-Subkultur
Bekannt wurde Quadrobics bereits 2008, als der japanische Sprinter Kenichi Ito einen Guinness-Weltrekord aufstellte: Er sprintete 100 Meter auf allen vieren.
Seither wurden die Bestmarken mehrfach unterboten. 2022 benötigte der US-Amerikaner Collin McClure 15,66 Sekunden. In diesem Jahr pulverisierte der japanische Läufer Ryusei Yonee den Rekord erneut und erzielte beeindruckende 14,55 Sekunden.
Yonee erklärte, dass er seit seiner Kindheit die Fortbewegung von Tieren studiert habe. Er beobachtete Hunde, Katzen und Affen und entwickelte seine Technik anschliessend auf der Laufbahn weiter.
In jüngerer Zeit veröffentlichen immer mehr Nutzerinnen und Nutzer sozialer Netzwerke – insbesondere jüngere Menschen – eigene Inhalte über Quadrobics.
In einigen Ländern, darunter Russland, haben sich regelrechte Subkulturen von „Quadrobern“ gebildet. Sie verbinden Quadrobics mit Verkleidung und bewegen sich im Freien krabbelnd fort, während sie Tiermasken tragen.
Ein grosser Teil der Quadrobics-Inhalte im Internet stammt aus der Therianer-Community. Therianer sind Menschen, häufig Kinder, die sich mit einem nichtmenschlichen Tier identifizieren.
Erwachsene Therianer gehörten zu den ersten Menschen, die Quadrobics praktizierten. Zwar betreiben nicht alle Therianer Quadrobics, doch viele derjenigen, die es tun, betrachten die Bewegung auf vier Gliedmassen als körperlichen Ausdruck ihrer Identität.
Therianer werden zudem leicht mit dem „Furry“-Fandom verwechselt, doch beides ist nicht dasselbe. Während Therianer sich als Tiere identifizieren, interessieren sich Furries für anthropomorphe Tierfiguren – also Tiere mit menschlichen Eigenschaften.
Furries entwickeln persönliche Avatare, die als „Fursonas“ bezeichnet werden, und nehmen in „Fursuits“ an Treffen und Conventions teil.
In Russland und weiteren ehemaligen Sowjetstaaten löst der Anblick junger Menschen mit Fuchsmasken und -schwänzen, die umherlaufen, bei einigen Politikerinnen, Politikern und religiösen Führungspersonen moralische Panik aus.
Im vergangenen Jahr warnte das Innenministerium Usbekistans Eltern, dass die Beteiligung ihrer Kinder an Quadrobics als Vernachlässigung der elterlichen Fürsorgepflicht bewertet werde. Der russische Politiker Wjatscheslaw Wolodin wiederum machte den Westen für den Trend verantwortlich, sich als Tiere zu verkleiden, und bezeichnete ihn als „Projekt der Entmenschlichung“.
Quadrobics: Fitness oder Inszenierung?
Bei Quadrobics steht in erster Linie die Bewegung im Vordergrund, nicht Identität, Kostümierung oder Rollenspiel.
Die Praxis ist Teil einer breiteren Welle „ursprünglicher“ oder „primaler“ Wellness-Trends. Dazu zählen etwa Paleo-Ernährung, Eisbäder oder die Rohfleisch-Diät des Liver King. Solche Praktiken versprechen eine Rückkehr zur Natur und sind zugleich eine Form der Inszenierung.
Inzwischen greifen selbst etablierte Gesundheits- und Wellnessmedien Quadrobics auf. Verschiedene Beiträge führen angebliche Vorteile auf, etwa das Training grosser Muskelgruppen und eine bessere Koordination.
Anhängerinnen und Anhänger zeigen Übungen wie Bärenkrabbeln, Leoparden-Gänge, Sprünge und Balancebewegungen. Viele dieser Bewegungen und Übungen werden allerdings seit Jahren als Aufwärmprogramm oder Mobilitätsdrill praktiziert.
Einige Menschen, die Quadrobics betreiben, berichten von konkreten Erfolgen wie verbesserter Fitness und Gewichtsverlust.
Es gibt wissenschaftliche Hinweise darauf, dass vierfüssige Fortbewegung Gleichgewicht, Beweglichkeit und Rumpfstabilität verbessern kann. Wegen ihres rhythmischen Charakters kann sie ausserdem den Puls erhöhen, was der aeroben Fitness und der Gesundheit zugutekommen kann.
Das bedeutet jedoch nicht, dass Quadrobics frei von Einschränkungen ist.
Risiken und Grenzen von Quadrobics
Da Quadrobics ausschliesslich den Widerstand des eigenen Körpergewichts nutzt, ist die Belastung der Muskeln auf dieses Körpergewicht begrenzt. Für Kraftzuwachs und Knochendichte ist es daher vermutlich weniger wirksam als Krafttraining mit Gewichten, bei dem die Last schrittweise gesteigert werden kann.
Quadrobics setzt zwar einen aeroben Trainingsreiz, verlangt jedoch einiges an Geschick. Deshalb lässt es sich nur schwer über längere Zeiträume oder mit hoher Intensität ausführen. Für das Herz-Kreislauf-System wären die Vorteile etwa beim Laufen grösser.
Wie jede Trainingsform birgt auch Quadrobics ein mögliches Verletzungsrisiko, das allerdings wahrscheinlich gering ist.
Wer Quadrobics ausprobieren möchte, sollte Muskeln und Gelenken ausreichend Zeit geben, sich an die Belastung anzupassen. Besonders wichtig ist das für Hände, Handgelenke, Ellenbogen und Schultern, die möglicherweise nicht an diese Art der Beanspruchung gewöhnt sind. Beginnen Sie daher sehr langsam und achten Sie nach jeder Einheit darauf, wie Sie sich fühlen.
Insgesamt gibt es kaum Belege dafür, dass Quadrobics gesünder ist als gängige Trainingsformen. Krabbeln und Springen können zwar Stabilität und Beweglichkeit aufbauen, doch wissenschaftliche Studien haben die langfristigen Vorteile und Risiken bisher nicht untersucht. Bestenfalls ergänzt die Praxis etabliertes Training.
Der aktuelle Erfolg von Quadrobics in sozialen Medien hängt weniger mit Trainingswissenschaft als mit seinem visuellen Spektakel zusammen. Der Unterhaltungswert ist offensichtlich und zieht zuverlässig Likes, geteilte Beiträge und Kommentare an – es geht also ebenso sehr um Theater und Identität wie um Fitness.
Samuel Cornell, Doktorand für Public Health & Community Medicine, School of Population Health, UNSW Sydney, und Hunter Bennett, Dozent für Trainingswissenschaft, University of South Australia
Dieser Artikel wird unter einer Creative-Commons-Lizenz von The Conversation erneut veröffentlicht. Lesen Sie den Originalartikel.
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