Zum Inhalt springen

Drive to Survive: Wie Netflix die Formel 1 verändert hat

Roter Formel-1-Rennwagen in modernem Showroom mit schwarzem Marmorboden bei Sonnenuntergang.

Drive to Survive öffnet die Formel 1

Als Drive to Survive bei Netflix startete, schlug die Serie ein wie eine Bombe. Erstmals standen die Türen zu einer verschlossenen, bisweilen abschreckenden und übermäßig konzerngeprägten Welt für sämtliche Fans weit offen.

Wir erlebten Günther Steiners Verzweiflung, Christian Horners taktische Spielchen und die Menschen hinter den Helmen. Das Ergebnis? Ein weltweites Popularitätsphänomen, das das Interesse in jenem Markt explodieren ließ, den die Formel 1 jahrzehntelang vergeblich erobern wollte: den Vereinigten Staaten.

Vom Blick hinter die Kulissen zur Telenovela

In den darauffolgenden Jahren verflog der Zauber allerdings. Was ursprünglich als Dokumentation mit Einblicken hinter die Kulissen begann, entwickelte sich zu einer Art „mexikanischer Telenovela“.

Und bevor mir jemand Voreingenommenheit vorwirft: Ich habe nichts gegen Sergio Pérez, der wieder im Fahrerfeld dabei sein wird und in einem Cadillac Platz nehmen soll. Nicht der mexikanische Fahrer ist das Problem, sondern die Erzählweise selbst.

Geht es noch um Sport? Falsch.

Mit jeder neuen Staffel von Drive to Survive entsteht derselbe Eindruck: Das Geschehen auf der Strecke ist bloß noch Nebensache. Netflix scheint erkannt zu haben, dass ein Wortgefecht auf dem Flur zwischen zwei Teamchefs mehr Aufrufe bringt als ein Überholmanöver am Limit. Im Regen. Beim letzten Rennen der Saison.

Ich übertreibe, das ist mir bewusst. Doch Rivalitäten werden im Schnitt gezielt aufgebaut, und Funksprüche werden oft aus ihrem Zusammenhang gerissen, um Spannungen zu erzeugen, die es gar nicht gibt. Für Gelegenheitsfans ist das erstklassige Unterhaltung. Wer Motorsport liebt, empfindet es mitunter als geradezu beleidigend.

Der „Netflix-Effekt“ ist real

Wir sollten nicht heuchlerisch sein: Ihren heutigen finanziellen Zustand – und ihre Popularität – verdankt die Formel 1 Netflix. Die drei Grands Prix in den Vereinigten Staaten, in Miami, Austin und Las Vegas, wären ohne die melancholische, dramatische und von der Serie bis zum Äußersten getriebene Erzählung kaum Realität.

Drive to Survive hat eine neue Fangeneration hervorgebracht. Sie weiß vielleicht nicht, was ein Diffusor, eine Pushrod-Aufhängung oder der Ground-Effekt ist, kennt aber ganz genau Toto Wolffs Lieblingsfrühstück – des „Chefs“ des Mercedes-AMG F1 Team.

Dagegen ist nichts einzuwenden. Das Problem besteht darin, dass die Konzentration auf reine Dramen hinter den Kulissen dem Sport seinen Inhalt nimmt. Dabei ist die Formel 1 per Definition die Spitze des Automobilbaus.

War die Serie Drive to Survive notwendig? Ohne jeden Zweifel. Ist sie weiterhin relevant? Wahrscheinlich schon. Doch als Fans müssen wir uns fragen: Wollen wir sehen, wer später bremst, oder wer im Paddock lauter schreit?

Falls die zweite Antwort zutrifft, dann hat die Formel 1 womöglich tatsächlich aufgehört, ein Sport zu sein, und ist nur noch „Content“. Daran will ich nicht glauben.

Kommentare

Noch keine Kommentare. Sei der Erste!

Kommentar hinterlassen