Auf den ersten Blick scheint sich der wettbewerbsorientierte Langstreckenlauf seit der Wiederbelebung der Olympischen Spiele im Jahr 1896 kaum verändert zu haben.
Doch selbst das vergleichsweise einfache Rennen vom Startschuss bis ins Zielband hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend gewandelt – durch den Aufstieg hochentwickelter Laufschuhe, die umgangssprachlich als „Superschuhe“ bezeichnet werden.
Vor einigen Jahren löste der Nike Vaporfly in der Leichtathletik eine heftige Kontroverse aus. Im Mittelpunkt stand die Frage, ob dieser Schuh einigen Athletinnen und Athleten einen unfairen Vorteil gegenüber jenen verschaffe, die nicht mit diesen Modellen ausgestattet waren.
2019 trug der kenianische Langstreckenläufer Eliud Kipchoge Prototypen des Vaporfly, als er bei der Ineos-1:59-Challenge in Wien als erster Sportler die Marathondistanz in weniger als zwei Stunden lief.
Letztlich entgingen die Schuhe rechtzeitig vor den Olympischen Spielen 2020 in Tokio einem Verbot.
Mehrere Jahre später stellt sich die Frage, was wir inzwischen zusätzlich über diese Schuhe und ihre Funktionsweise wissen. Meine aktuelle Veröffentlichung untersucht zehn zentrale Fragen zu Superschuhen, während die Olympischen Spiele in Paris näher rücken.
Was Superschuhe von herkömmlichen Laufschuhen unterscheidet
Zunächst muss geklärt werden, was Superschuhe eigentlich sind und wodurch sie sich von klassischen Laufschuhen abheben. Die ersten Superschuhe verfügten über eine Sohle, die ein Material namens Polyamid-Blockelastomer – unter dem Handelsnamen Pebax bekannt – mit einer Carbonfaserplatte kombinierte.
Während der Kontroverse richtete sich viel Aufmerksamkeit auf diese Platte. Daraus entstanden Behauptungen, die Schuhe seien im Grunde Federn, die Läuferinnen und Läufer nach vorn katapultierten.
Inzwischen gehen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler jedoch davon aus, dass der Erfolg der Schuhe im Allgemeinen auf dem harmonischen Zusammenspiel sämtlicher Bestandteile der Sohle beruht.
Dieser übergreifende Effekt hat dazu beigetragen, eine Reihe von Weltrekorden über die Marathon- und Halbmarathondistanzen zu brechen. In den vergangenen sieben bis acht Jahren verbesserten die Schuhe die Zeiten im Männer- und Frauenmarathon um ungefähr 1,4-2,8 % beziehungsweise 0,6-2,2 %.
Heute bieten auch andere Marken wie Adidas und Saucony eigene Konstruktionen an und setzen die einzelnen Komponenten auf unterschiedliche Weise ein. Das Prinzip des abgestimmten Zusammenspiels im Sohlenaufbau bleibt jedoch grundsätzlich gleich.
Der „Wippeffekt“ und der Sauerstoffverbrauch
Abgesehen von der Erkenntnis, dass alle Komponenten zusammenwirken, ist eine detailliertere Erklärung der Funktionsweise der Schuhe weiterhin schwer zu liefern. Zu viele unterschiedliche Einflüsse können zur sportlichen Leistung beitragen.
Als mögliche Gründe für die Leistungssteigerung gelten unter anderem die Dicke der Zwischensohle sowie der sogenannte „Wippeffekt“: eine nach oben gerichtete Reaktionskraft, welche die Abdruckphase der Läuferin oder des Läufers passiv unterstützt. Gegen beide Erklärungsansätze gibt es jedoch ebenfalls Belege.
Mittlerweile gibt es allerdings überzeugende Hinweise darauf, dass Superschuhe im Vergleich zu herkömmlichen Laufschuhen den Sauerstoffverbrauch von Läuferinnen und Läufern senken. Die wissenschaftliche Fachwelt ist sich jedoch nicht darüber einig, wie genau dies erreicht wird.
Die meisten Untersuchungen konzentrieren sich auf sehr gut trainierte Läuferinnen und Läufer. Daher ist es plausibel, dass Freizeitläuferinnen und Freizeitläufer oder Personen anderer Altersgruppen von einem deutlich anderen Leistungszuwachs profitieren könnten als die Eliteathletinnen und Eliteathleten, die wir diesen Sommer in Paris sehen werden.
Ebenso denkbar ist ein Placeboeffekt: Allein das Wissen, einen hochentwickelten Schuh zu tragen, könnte die Leistung im Wettkampf verbessern – unabhängig davon, ob der Schuh tatsächlich hilft oder nicht.
Regeln, Kosten und die Zukunft der Superschuhe
Über die Akzeptanz der Schuhe entscheiden letztlich die Beteiligten des Sports und Sie als Zuschauerin oder Zuschauer. Unabhängig davon, ob sie als fair gelten oder nicht, kann neue Technologie Menschen entweder dazu bewegen, sie zu nutzen, oder durch hohe Kosten die Teilnahme am Sport erschweren.
Zudem können Verbraucherinnen und Verbraucher die Superschuhtechnologie inzwischen selbst kaufen. Ob sie dies tatsächlich wollen oder bereit sind, dies für ein Produkt zu tun, das möglicherweise nur über einige hundert Laufkilometer wirksam ist, bevor die Sohlenmaterialien ihre starken mechanischen Eigenschaften verlieren könnten, bleibt ebenfalls umstritten.
Der Einsatz von Superschuhen blieb weder unkontrolliert noch unwidersprochen. 2020 beschloss World Athletics, der internationale Dachverband dieses Sports, die Technologie durch Vorschriften einzuschränken. Damit reagierte der Verband auf Faktoren, die seiner Auffassung nach zum Ausmaß und zur Häufigkeit der Rekordleistungen beitrugen.
Konkret begrenzten die Regeln des Verbands die Dicke der Sohle, die Anzahl und Komplexität interner starrer Strukturen wie Carbonfaserplatten und verhinderten Schuhe, die als Einzelanfertigungen nicht für Verbraucherinnen und Verbraucher erhältlich wären.
Inzwischen haben die meisten führenden Laufschuhmarken ihre eigenen Superschuhe auf den Markt gebracht. Die Technologie wird sich zweifellos weiterentwickeln, weshalb World Athletics dauerhaft wachsam bleiben muss.
Superschuhe haben letztlich zwar immer wieder Kontroversen ausgelöst, doch sie werden offenbar nicht verschwinden und auf absehbare Zeit ein wichtiger Bestandteil des Langstreckenlaufs bleiben.
Bryce Dyer, außerordentlicher Professor für Sporttechnologie, Bournemouth University
Dieser Artikel wird unter einer Creative-Commons-Lizenz erneut von The Conversation veröffentlicht. Lesen Sie den Originalartikel.
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