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Fußball-WM 2026: Warum Sport seit der Antike politisch ist

Rennwagen mit zwei Pferden und Fahrer in einem vollen römischen Amphitheater bei einem Wagenrennen.

Die Fußball-WM 2026 ist zweifellos das Sportereignis des Jahres – und zugleich ein bedeutendes politisches Thema. Neu ist das keineswegs: Schon in der Antike war Sport zutiefst politisch.

Die Fußball-WM 2026 hat endlich begonnen! Sie ist weit mehr als ein reines Fußballturnier und steht im Zentrum eines angespannten politischen Schachbretts. Donald Trump will sie als Schaufenster seiner Amtszeit nutzen, Fragen zur Teilnahme Irans stehen im Raum, dazu kommen Repressionen gegen Fans und Teilnehmende sowie Spannungen zwischen den Gastgeberländern. Damit dürfte dieses Turnier sensibler sein als je zuvor. Hinzu kommen die jeweiligen innenpolitischen Herausforderungen aller teilnehmenden Staaten.

Viele kritisieren den „Fußball-Business“-Komplex oder Donald Trumps politische Instrumentalisierung der WM. Ist das ein modernes Phänomen? Ganz und gar nicht. Sport wurde bereits in der Antike für politische und kommerzielle Zwecke eingesetzt – und schon damals beanstandeten manche diese Entwicklung. War es nicht der römische Schriftsteller Juvenal, der dies im 1. Jahrhundert n. Chr. anprangerte?

„Diese so eifersüchtigen, so stolzen Römer, die einst Königen und Völkern geboten und vom Kapitol bis an die Enden der Erde herrschten, nun Sklaven verderblicher Vergnügungen – was brauchen sie? Brot und Spiele im Zirkus!“

Schon die Griechen verliehen dem Sport mit dem olympischen Waffenstillstand, der Ekecheiria, eine politische Dimension. Doch erst die Römer setzten diese Praxis im grossen Massstab um. Eine Reise 2.000 Jahre zurück.

Die Institutionalisierung des Sports im Römischen Reich

In Rom, insbesondere während der frühen Kaiserzeit, gehörte Sport fest zum Alltag. In einer Epoche mit deutlich weniger Freizeitangeboten als heute verbrachte die überwältigende Mehrheit der Römer die Spieltage im Stadion. Am bekanntesten sind heute natürlich die Gladiatorenkämpfe. Sie ähnelten eher einer stark ritualisierten Kampfkunstshow als den sinnlosen Blutbädern aus Hollywoodfilmen und gehen vermutlich auf etruskische Bestattungsriten zurück. Ursprünglich besassen sie vor allem eine religiöse Bedeutung.

Gegen Ende der Römischen Republik entwickelte sich die Gladiatur schrittweise zu einem politischen Instrument. Cäsar veranstaltete mehrere prunkvolle Spiele: 65 v. Chr. zu Ehren seines verstorbenen Vaters, mit 640 Kämpfern – eine bis dahin unerreichte Zahl –, und 45 v. Chr. zum Tod seiner Tochter Julia. Die Kämpfe fanden auf hölzernen Tribünen statt, die auf dem Forum errichtet worden waren. In einer politisch unruhigen Zeit sollten sie ihm die Gunst der Plebejer sichern. Unter Augustus’ Prinzipat verschwand der religiöse Anstrich endgültig: Er institutionalisierte die Zirkusspiele in einem nahezu industriellen Umfang und unterstellte sie fast vollständig staatlicher Kontrolle. Sueton berichtet darüber in Das Leben der zwölf Cäsaren:

„Durch Zahl, Vielfalt und Pracht seiner Schauspiele übertraf er [Augustus] alle seine Vorgänger. Man berichtet, dass er viermal öffentliche Spiele in seinem eigenen Namen und dreiundzwanzigmal für andere Magistrate veranstaltete, die abwesend waren oder nicht über ausreichende Mittel verfügten.“

Die Gladiatur bildete tatsächlich den Höhepunkt eines Arenatags, zu dem auch Tierhetzen und Hinrichtungen gehörten. Sie war stets hochpolitisch und den Launen der Kaiser unterworfen. Nero etwa liess Frauen kämpfen, um den König von Armenien zu beeindrucken. Commodus wiederum stieg als Herkules selbst in die Arena, um die Zuschauer für sich zu gewinnen und den Senat herauszufordern. Hinzu kam eine ausgeprägte kommerzielle Seite: Es entstanden spezialisierte Schulen, die ludi – eine davon gehörte dem Kaiser, der berühmte Ludus Magnus nahe dem Kolosseum –, Wettangebote und sogar Fanartikel wie Tonfiguren oder Lampen mit Abbildungen der Sportler. Gladiatoren konnten trotz ihres Sklavenstatus zu wahren Superstars aufsteigen. Ein Beispiel ist Flamma, ein syrischer secutor aus dem II. Jahrhundert, der die Freiheit mehrfach ablehnte, um weiter in der Arena kämpfen zu können. Für seine Zeit war er eine echte lebende Legende.

Mit der Ausbreitung des Christentums gingen die Kämpfe schliesslich nach und nach zurück. Kaiser Valentinian III. schaffte sie 438 endgültig ab – aus ideologischen und damit politischen Gründen.

Wagenrennen: Der beliebteste Sport im antiken Rom

Gladiatorenkämpfe gelten heute als Sinnbild des Sports im antiken Rom, doch die Römer begeisterten sich auch für andere Disziplinen. Dazu zählten Naumachien, nachgestellte Seeschlachten in eigens angelegten Becken, sowie das nur schlecht dokumentierte Harpastum, ein Vorläufer des Rugby. Der mit Abstand populärste Sport Roms, vergleichbar mit dem heutigen Fussball, waren jedoch die Wagenrennen.

Als echte Institution fanden sie im gewaltigen Circus Maximus statt. Dieser lag im Tal Murcia direkt am Fuss des Palatinhügels und verfügte über eine 600 Meter lange Rennbahn. Nach Plinius bot er 250.000 Menschen Platz, wobei diese Zahl vermutlich übertrieben ist. Auch dieses Spektakel war zutiefst politisch: Augustus und seine Nachfolger verfolgten die Rennen von der Kaiserloge, dem pulvinar, aus. So zeigten sie sich dem Volk und unterstrichen ihre Nähe zu ihm. Jeder vom Kaiser gestiftete Renntag wurde zum Stadtgespräch.

Schon damals tobten die Fans bei den Rennen, feuerten ihren bevorzugten Wagenlenker oder ihr Lieblingsteam an. Es gab vier Parteien: die Grünen, die Blauen, die Roten und die Weissen. Diese Mannschaften bewegten ihre Anhänger so sehr, dass Grabinschriften gefunden wurden, die eine bestimmte Fraktion erwähnen – als würde man heute auf einem Friedhof das Logo von PSG oder Real Madrid entdecken. Bisweilen schlug diese Fankultur in eine Art Proto-Hooliganismus um. So kostete der Nika-Aufstand von 532 in Konstantinopel 30.000 Menschen das Leben und brachte Kaiser Justinian beinahe zur Abdankung. Ausgelöst wurde er durch die Hinrichtung zweier Mitglieder der Grünen und Blauen, die sich anschliessend gegen die Herrschaft verbündeten. Das Ereignis war nicht bloss sportlich: Es lieferte in einer politisch und steuerlich hoch angespannten Lage des Oströmischen Reichs den entscheidenden Funken.

Solche Ausschreitungen waren keineswegs auf Wagenrennen beschränkt. Im Jahr 59 erschütterten ähnliche Unruhen Pompeji nach Gladiatorenkämpfen. Bei dieser grossen Schlägerei standen sich Anhänger aus Nuceria und die örtlichen Zuschauer gegenüber. Nero untersagte daraufhin die Kämpfe in der Stadt für zehn Jahre.

Und die Wagenlenker selbst? Auch sie waren echte Stars. Diokles, ein Wagenlenker des II. Jahrhunderts, gilt mit einem Vermögen von 35 Millionen Sesterzen als einer der reichsten Sportler der Geschichte. Eine gewaltige Summe: Wagt man eine Umrechnung in die heutige Wirtschaft, erscheinen Ronaldo, Messi und Mbappé geradezu unbedeutend. Sein Vermögen wird auf den Gegenwert von 15 Milliarden Dollar geschätzt.

Stadien als eigenständige politische Instrumente

Über Sport im Römischen Reich zu sprechen, heisst auch, über Stadien zu sprechen. Der Bau eines Stadions ist heute ein politischer Akt – das zeigte sich bei der Fußball-WM 2022 in Katar ebenso wie in Frankreich in den 1990er-Jahren mit der Errichtung des Stade de France. Schon in der Antike verhielt es sich genauso. Das Kolosseum ist dafür das perfekte Beispiel.

Mit der Institutionalisierung der Zirkusspiele entstanden im gesamten Reich während des 1. Jahrhunderts v. Chr. und des 1. Jahrhunderts n. Chr. immer mehr Amphitheater. Davon zeugen die Arenenreste in Gallien, etwa in Arles, Nîmes, Senlis, Paris und Saintes, ebenso wie an vielen Orten rund um das Mittelmeer. Ein Amphitheater war nicht nur ein Stadion, sondern auch eine Machtdemonstration einer Provinz oder Stadt.

Erstaunlicherweise musste Rom lange auf ein Amphitheater warten, das seinem Rang entsprach. Zuvor wurden Spiele im für Kämpfe wenig geeigneten Circus Maximus, in temporären Arenen auf dem Forum oder dem Marsfeld sowie im heute verschwundenen kleinen Stadion des Taurus ausgetragen. Der Bau des flavischen Amphitheaters, das heute Kolosseum genannt wird, war vor allem ein kraftvoller politischer Akt Kaiser Vespasians.

Um die Gründe für seinen Bau zu verstehen, muss man ins Jahr 64 zurückgehen. Im Juli verwüstete ein Grossbrand Rom. Nero beschloss daraufhin, auf den Trümmern der Stadt einen riesigen Palast zu errichten: die Domus Aurea. Dieser kolossale Bau sollte Kunsthandwerker aus aller Welt anziehen und Rom zum Schaufenster künstlerischen Könnens im Reich machen. Nach Neros Sturz im Jahr 68 folgte eine unruhige Phase: 69 kam es zum Bürgerkrieg, dem Jahr der vier Kaiser, bevor Vespasian die Macht übernahm und die flavische Dynastie begründete. Er wollte wieder Ordnung in eine gespaltene Stadt bringen.

Vespasian ordnete den Bau des flavischen Amphitheaters an, des grössten Stadions des Reichs mit zwischen 50.000 und 80.000 Plätzen, und verfolgte damit mehrere politische Ziele: Seine noch junge Herrschaft sollte legitimiert, der mit der Eroberung Jerusalems im Jahr 70 erworbene Reichtum demonstriert und die Römer nach dem Bürgerkrieg versöhnt werden. Zugleich sollte der Bau den Bruch mit Nero sichtbar machen. Auch der Standort des künftigen Kolosseums sprach Bände: Es entstand dort, wo sich zuvor der künstliche See im Zentrum der Domus Aurea befunden hatte.

Vespasian erlebte die Vollendung seines Werks nicht mehr, da er 79 starb. Sein Sohn Titus eröffnete das Kolosseum im Jahr 80, nur wenige Monate nach der Katastrophe, die Pompeji zerstört hatte. Auch die 100 Tage dauernden Feierlichkeiten besassen eine politische Bedeutung und sollten die Wunden des Reichs heilen.

Die Fußball-WM 2026 ist ein politisches Ereignis, daran besteht kein Zweifel. Wie gezeigt, ist diese Praxis alles andere als neu. Genau wie die Kaiser ihrer Zeit nutzt Donald Trump den Sport im Rahmen einer sorgfältig geplanten Kommunikationsstrategie. Kann uns das die Freude an den Spielen nehmen? Nicht unbedingt. Es ist ein verderbliches Vergnügen, wie Juvenal sagte …

Weiterführende Literatur:

  • Das Leben der zwölf Cäsaren, Sueton
  • Das antike Rom, Wahrheiten und Legenden, Dimitri Tilloi-d’Ambrosi
  • Die Plebs, Nicolas Tran
  • Empire, Alberto Angela
  • Imperator, Mary Beard

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