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Ferrari 499P und der unglaubliche Sieg bei den 24 Heures du Le Mans

Rennwagen auf Start-Ziel-Gerade, Menschen mit ausgestreckten Armen an Streckenbegrenzung, Zuschauertribüne im Hintergrund.

Wie bei jedem legendären Motorsportklassiker haftet auch den 24 Heures du Le Mans ein Leitspruch an, der zu klingen scheint, als stamme er aus einem dieser unerquicklich pathetischen Wellness-Beiträge. Er lautet ungefähr: „Du entscheidest dich nicht für Le Mans – Le Mans entscheidet sich für dich.“

Doch es gibt einen einfacheren, treffenderen Spruch. Dante war vermutlich kein grosser Freund von Langstreckenrennen, aber eine Zeile aus seiner Göttlichen Komödie müsste aufgrund ihrer erschreckenden Passgenauigkeit eigentlich über der Dunlop-Brücke hängen.

„Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren.“

[Knoten: thematisches Karussell]

Kein Hersteller und kein Fahrer geht in diesen gnadenlosen Angriff auf Mensch und Material mit der Überzeugung, gewinnen zu können. Selbst ein so traditionsreiches Team und ein Hersteller wie Ferrari nicht. Der jüngste Sieg der Scuderia datierte von 1965 – einem der ungewöhnlichsten Rennen in der Geschichte der Veranstaltung. Es war ein derart unwahrscheinlicher Triumph, dass selbst ein erfahrener Hollywood-Drehbuchlektor ihn wohl als „zu offensichtlich“ abgelehnt hätte.

Ferrari 499P: Ein Projekt unter enormem Zeitdruck

Dasselbe galt für die Ausgabe 2023. Obwohl Ferrari die Pole-Position geholt hatte, blieb fraglich, ob das Team den amtierenden Champions von Toyota tatsächlich Paroli bieten konnte. „Die Frage ist: Sind wir die Schnellsten?“, sagte der Brite James Calado vor dem Rennen gegenüber TopGear.com. „Im Qualifying waren wir so schnell, wie wir nur sein konnten. Aber die Toyotas haben noch Leistungsreserven. Sie nutzen die Kerbs und solche Dinge nicht, also werden wir sehen.“

Dass das Team im Qualifying genau beobachtete, wie Toyota-Piloten die Kerbs nutzten, zeigte eine gewisse Vorsicht und einen realistischen Blick auf die eigenen Chancen. Und sogar darauf, ob man die 24 Stunden überhaupt überstehen würde. „Im Juni [des vergangenen Jahres] testeten wir das Chassis noch in Maranello, dann kam im Juli die [Werks-]Schliessung. Die Arbeit war intensiv, und nach neun Monaten konnte niemand sicher sein, ob die Zuverlässigkeit [des 499P] vorhanden sein würde“, erklärt Ferdinando Cannizzo, Ferraris Leiter für Langstreckenrennwagen.

„Unser Projekt begann vor zwei Jahren“, ergänzte Teamchef Antonello Coletta und verwies damit auf das frühe Stadium des gesamten Vorhabens. „Nach einem Jahr sahen wir den ersten Entwurf des Autos. Im Juli des vergangenen Jahres organisierten wir den ersten Test in Fiorano“, sagte er über den ersten echten Funktionstest des Wagens. „Danach standen im Januar und Februar die letzten beiden Tests in Sebring an [vor dem ersten richtigen Rennen des 499P im März auf derselben Strecke]. Wie Sie sich vorstellen können, war die Zeit also sehr, sehr knapp.

„Die anderen Wettbewerber hatten die Möglichkeit, sehr viel mehr Tests zu organisieren als wir. Ich erinnere mich gern daran, dass unsere Konkurrenz bereits auf der Strecke war, als wir erst den Entwurf unseres Autos hatten.“

Die Entwicklung verlief unter Hochdruck, und ein komplexes Fahrzeug wie der 499P – der einen 3,0-Liter-Turbo-V6 mit Elektromotor und Generator kombiniert – brachte zwangsläufig Schwierigkeiten mit sich. „Am anspruchsvollsten erwiesen sich die Elektronik, der Bereich des Hybridantriebs und das Allradsystem“, sagte Giuliano Salvi, Ferraris Testmanager für Sportwagen, über die Vorsaisontests des Autos. „Doch Test für Test verbesserten wir ihre Funktionsweise.“

Le Mans 2023: Ferrari gegen Toyota bis zum Schluss

Die Fortschritte waren so deutlich, dass Ferrari beim ersten WEC-Rennen der Saison in Sebring sofort stark startete: Pole-Position und letztlich ein Podestplatz für Wagen #50, während #51 nach einer Kollision Rang sieben belegte. In Portimão lief es noch besser, als beide Ferraris auf den Plätzen 2 und 6 ins Ziel kamen. Beim Rennen unmittelbar vor Le Mans – den sechs Stunden von Spa – wurde #51 Dritter, während Wagen #50 aufgeben musste. Die gesamte Saison über lagen beide Autos hinter den Toyotas.

Dann folgte das grosse Rennen in Le Mans: ein unerprobter 24-Stunden-Kampf gegen die Favoriten auf den Titel. Und nicht nur gegen sie, sondern auch gegen Porsche. Gegen Peugeot. Gegen Cadillac. Vor dem Start schätzte Coletta die Aussichten seines Teams nüchtern ein. „Wir gehen dieses Meisterschaft mit grösstmöglicher Demut an. Ich weiss nicht, ob wir eine Chance haben, Toyota zu schlagen – ich glaube, das ist nicht einfach. Aber ich kann Ihnen in jedem Fall versichern, dass wir unser Bestes geben werden.“

Ferrari sicherte sich im Hyperpole-Qualifying die gesamte erste Startreihe und zog anschliessend in die Schlacht. Das diesjährige Le Mans war aussergewöhnlich hart. Einer nach dem anderen brachen Ferraris wichtigste Gegner ein, bis nur noch ein gewaltiges Hin und Her zwischen Wagen #51 und Toyotas #8 blieb. Als Toyota vom Unglück getroffen wurde, verschaffte das Ferrari einen wertvollen kleinen Vorsprung. Dieser wurde jedoch auf die Probe gestellt, als Pier Guidis 499P beim letzten Boxenstopp vor Rennende nicht wieder anspringen wollte. Genau jene Elektronik, die Salvi während der Tests erwähnt hatte, suchte das Team nun heim.

[Knoten: thematische Weiterreise-Karte]

Während das Publikum den Atem anhielt, führte Ferrari Alessandro mit bemerkenswerter Ruhe durch den Startvorgang – tatsächlich war das Problem im Rennen bereits einmal aufgetreten. Als die Anzeigen aufleuchteten und PG wieder an der Spitze auf die Strecke fuhr, war das für Coletta der Moment, in dem er glaubte, das Unmögliche schaffen zu können.

„Ich hatte das Gefühl: Okay, wir können das Rennen gewinnen, als das Auto beim letzten Boxenstopp 15 Minuten vor Rennende ansprang!“, sagte Coletta. Nach diesem herzstillstandverdächtigen Augenblick überquerte Wagen #51 die Ziellinie und bescherte Ferrari den zehnten Gesamtsieg.

Der frühere Formel-1-Fahrer Antonio Giovinazzi beschrieb, welchen Berg das Team erklommen hatte. „Wir sind dieses Auto erstmals im vergangenen Juli gefahren. Dieses Ergebnis – Pole-Position und Sieg – nach knapp einem Jahr erreicht zu haben, ist daher ohne Zweifel fantastisch. Es war keineswegs selbstverständlich, dass wir es schaffen würden.“

Vielleicht hatte Dante doch recht.

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