Was um alles in der Welt passiert hier?
Man sagt doch immer, dass sich Roboterherrscher und KI-Programme irgendwann erheben und die Welt übernehmen werden. Toyota hat womöglich die ideale Ablenkung für sie entdeckt: Driften.
Denn das hier ist keine gewöhnliche A90 Supra. Sie trägt ein vernietetes Pandem-Widebody-Kit, einen riesigen Heckflügel, extrem tiefe Fahrwerksabstimmung, einen vollständigen Überrollkäfig und eine hydraulische Handbremse.
Auch am Motor wurde umfangreich gearbeitet: Der von BMW stammende B58-Reihensechszylinder leistet inzwischen rund 650 PS. Damit ist sie im Grunde ein vollwertiges Formula-Drift-Auto.
Der entscheidende Unterschied? Sie braucht keinen Drift King am Steuer …
Moment, sie driftet eigenständig?
Genau: Diese Supra driftet selbst. Entwickelt wurde sie vom Toyota Research Institute (TRI) gemeinsam mit der Stanford University. Für die Querfahr-Expertise gab es zudem Unterstützung vom Tuner Greddy und vom Profidrifter Ken Gushi. Mithilfe von Machine Learning untersucht die Supra zunächst den Fahrstil menschlicher Drifter. Daraus entstehen Algorithmen, durch die sie Gripverlust erkennt und selbstständig driften kann.
Und damit fährt man tatsächlich mit?
Wir sind offenbar ziemlich mutig. Für diesen Versuch reisten wir zum passend apokalyptisch klingenden Thunderhill Raceway in Kalifornien und spielten die Versuchskaninchen. Toyotas Ingenieure hatten dort einen kurzen Achtkurs aufgebaut, den das Auto mit uns absolvieren sollte. Zusätzlich saß ein Ingenieur auf dem Fahrersitz, um eingreifen zu können, falls die KI durchdrehen würde. Vorweggenommen: Das ist nicht passiert, und wir sind noch da. Oder schreibt diesen Artikel etwa Chat GPT?
Wie fühlt sich das an?
Von außen wirkte das Auto bei einigen Durchläufen zunächst etwas mechanisch. Mehr als einmal schaffte es die Acht nicht vollständig; laut Toyota-Team lag das an den Reifentemperaturen.
Als wir dann selbst einstiegen, absolvierte die KI den Kurs jedoch perfekt. Nach dem Losfahren legte der Wagen eigenständig den zweiten Gang ein, erkannte den Punkt zum Einleiten des Drifts und zog die hydraulische Handbremse. Er hielt einen ordentlichen Driftwinkel und meisterte sogar die Übergänge dank cleverer Kupplungs- und Gaskontrolle. Auf der bewässerten Driftfläche berührte er keinen einzigen Pylon. Seine Spurführung und das Verständnis für Schlupf funktionieren also offensichtlich gut.
Und ja: In einem Auto zu sitzen, das selbst driftet, fühlt sich ausgesprochen seltsam an. Die Roboter-Gegenlenkbewegungen direkt vor den eigenen Augen zu sehen, erfordert definitiv Vertrauen.
Weshalb muss eine selbstdriftende Toyota Supra überhaupt existieren?
Gute Frage. Die Professoren haben dieses Fahrzeug nicht bloß zum Spaß gebaut. Das Projekt geht auf eine Stanford-Arbeit mit dem sehr ernst klingenden Titel „Neue Dimensionen erschließen: Fahrzeugbewegungsplanung und -regelung mithilfe von Bremsen während des Driftens“ zurück. Begonnen hatten die Forscher übrigens mit einem umgebauten DeLorean. Damit sollte nachgewiesen werden, dass Computer ein heckgetriebenes Fahrzeug fahren und kontrollieren können – auch wenn er vermutlich nicht annähernd so gut quer fahren konnte wie die Supra.
Im Kern geht es bei der Arbeit jedenfalls um Sicherheit. Die Theorie lautet: Wenn das Gehirn eines Autos einen Drift beherrschen kann, ist es auch besser darauf vorbereitet, extremere Notfallsituationen auf der Straße zu kontrollieren – etwa auf einer Eisfläche oder wenn es einem Hindernis auf der Fahrbahn ausweichen muss.
Können künftige Serienautos das also auch?
Sie könnten in der Lage sein, Gripverlust zu erkennen und zu beherrschen. Erwarte aber nicht, dass sie beim Verlassen des örtlichen Cars-&-Coffee-Treffens auf Wunsch einen perfekten Drift hinlegen. Das Human Interactive Driving (HID)-Team des TRI möchte die in dieser Studie entwickelten Algorithmen in aktive Sicherheitssysteme von Autos integrieren. Vollautonomes Fahren ist also nicht das Ziel: Die Fahrer sollen die Kontrolle behalten, während autonome Technik bei Bedarf übernimmt. Damit könnten wir uns durchaus anfreunden.
Trotzdem hätten wir selbst gerne einmal die Gelegenheit, eine Supra nach Formula-Drift-Spezifikation zu fahren. Ob jemand merkt, wenn wir den Laptop ausstecken …
Kommentare
Noch keine Kommentare. Sei der Erste!
Kommentar hinterlassen