Das BTCC der 1990er-Jahre
In den 1990er-Jahren erlebte die Britische Tourenwagen-Meisterschaft eine ihrer stärksten Epochen. Das Starterfeld bot für jeden Geschmack etwas: Limousinen und sogar Kombis, schwedische, französische, deutsche, italienische und japanische Modelle sowie Fahrzeuge mit Front- und Hinterradantrieb.
Damals zählte die BTCC zu den spektakulärsten Rennserien der Welt, und Alfa Romeo wollte bei dieser „Party“ mitmischen. 1994 beauftragte die Marke aus Arese ihre Rennabteilung Alfa Corse damit, zwei 155 für den Einstieg in die Saison zu homologieren.
Alfa Corse erfüllte diesen Auftrag nicht nur, sondern ging noch weiter: Die Mannschaft nutzte eine Lücke im strengen Reglement aus, vor allem bei der Aerodynamik. Dieses schrieb vor, dass 2500 Straßenfahrzeuge in einer vergleichbaren Ausführung verkauft werden mussten.
Alfa Romeo 155 Silverstone und seine Aerodynamik
So entstand der 155 Silverstone, ein eher unscheinbares Homologationsmodell mit einigen umstrittenen aerodynamischen Kniffen. Der vordere Spoiler ließ sich in zwei Positionen montieren, wobei eine davon mehr Abtrieb erzeugte.
Auch der Heckflügel hatte eine Besonderheit: Zwei zusätzliche Halterungen wurden im Kofferraum mitgeführt und ermöglichten eine höhere Einbauposition. Die Besitzer konnten diese bei Bedarf später montieren. Während der Vorsaisontests hütete Alfa Corse dieses „Geheimnis“ jedoch sorgfältig und ließ die „Bombe“ erst zum Saisonauftakt platzen.
Der aerodynamische Vorteil dieses 155 gegenüber Konkurrenten wie dem BMW 3er, Ford Mondeo und Renault Laguna war daraufhin deutlich spürbar. So deutlich, dass Gabriele Tarquini, der italienische Fahrer, den Alfa Romeo ausgewählt hatte, um den 155 zu „zähmen“, die ersten fünf Rennen der Meisterschaft gewann.
Der Streit um den Heckflügel im BTCC
Nach mehreren Beschwerden entschied der Veranstalter vor dem siebten Rennen, Alfa Corse sämtliche bis dahin erzielten Punkte abzuerkennen und das Team zum Einsatz eines kleineren Flügels zu verpflichten.
Die italienische Mannschaft akzeptierte diese Entscheidung nicht und legte Einspruch ein. Nach dem Eingreifen der FIA erhielt sie ihre Punkte zurück und durfte die Konfiguration mit dem größeren Heckflügel noch für einige weitere Rennen einsetzen – bis zum 1. Juli desselben Jahres.
Danach hatte auch die Konkurrenz aerodynamische Verbesserungen entwickelt. Tarquini gewann bis zu diesem festgelegten Termin nur noch zwei weitere Rennen; in den folgenden neun Läufen gelang ihm anschließend lediglich ein zusätzlicher Sieg.
Der Alfa Romeo 155 TS von Gabriele Tarquini
Der furiose Saisonbeginn und die regelmäßigen Podestplätze reichten dem Italiener dennoch zum BTCC-Titel in diesem Jahr. Das hier vorgestellte Exemplar, ein Alfa Romeo 155 TS mit der Fahrgestellnummer 90080, ist jenes Auto, mit dem Tarquini das vorletzte Rennen in Silverstone bestritt – bereits mit dem „normalen“ Flügel.
Dieser 155 TS hatte nach seinem Rückzug aus dem Rennsport nur einen privaten Besitzer. RM Sotheby’s wird ihn im Juni bei einer Auktion in Mailand, Italien, versteigern. Nach Angaben des Auktionshauses wird ein Verkaufspreis zwischen 300 000 und 400 000 Euro erwartet.
Zum Motor dieses „Alfa“ macht RM Sotheby’s zwar keine Angaben, doch bekannt ist, dass Alfa Corse diese 155 TS mit einem 2,0-Liter-Vierzylinder einsetzte, der 288 PS und 260 Nm leistete.
Das sind zweifellos genügend Gründe für die mehreren Hunderttausend Euro, die RM Sotheby’s für dieses Fahrzeug erwartet – oder nicht?
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