Die schwere historische Hypothek des Radsports sowie die aufsehenerregenden Skandale einzelner Teams und Fahrer haben die Tour de France in einen dauerhaften Strudel von Dopingverdächtigungen gezogen. Das Jahr 2026 nimmt jedoch eine Sonderstellung ein. Angesichts des Leistungsanstiegs im Peloton, harter Wetterbedingungen und einer beispiellosen Dopingkontrolle mitten in der Nacht wirft die Grande Boucle umso mehr Fragen auf.
Die Tour de France 2026 ging am Sonntag, dem 26. Juli, in Paris zu Ende. Auf den Straßen der Hauptstadt wurde eine auf 80 Kilometer verkürzte Schlussrunde gefahren. Dabei bot sich in dieser Saison letztmals die Gelegenheit, Tadej Pogačar im Gelben Trikot zu sehen, als er die Geschichte des Radsports weiter prägen wollte und mit hohem Tempo die Rue Lepic hinauf bis auf die Kuppe des Montmartre stürmte.
Die Grande Boucle verlangte den Fahrern in diesem Jahr besonders viel ab, dennoch waren die Athleten – vor allem die Spitzenfahrer der besten Teams – stärker als je zuvor. Die Dopingverdächtigungen nahmen deshalb zu, auch wenn sie aufgrund der belasteten Geschichte der Disziplin und großer Skandale wie der Festina-Affäre (1998), Lance Armstrong in den 2000er-Jahren oder dem Puerto-System ohnehin nie ganz aus dem Radsport verschwunden waren.
In den Fachmedien befasste sich insbesondere die Zeitschrift Miroir du Cyclisme, die 2025 vom Medium l’Humanité neu aufgelegt wurde, mit dem Thema. Ein von Florent Le Du verfasstes schriftliches Dossier wurde durch ein am 22. Juli veröffentlichtes Video ergänzt, das mehr als 100.000 Aufrufe erzielte.
Tour de France 2026: Warum gibt es Dopingverdacht?
Das Durchschnittstempo steigt um 1,5 km/h
Auf den 21 Etappen der Tour de France 2026 erreichte das Tempo der Radprofis neue Höchstwerte. Der Stundendurchschnitt lag 1,5 km/h über dem Vorjahr, das seinerseits bereits ein Rekordjahr gewesen war. Besonders stach die elfte Etappe zwischen Bicheur und Nevers heraus: Dort betrug die Durchschnittsgeschwindigkeit 51 km/h. Um diese Leistung zu erbringen, soll die von jedem Fahrer entwickelte Leistung gegenüber der vorherigen Fahrergeneration um 60 Watt gestiegen sein, wie Warren Bargil in einem Interview mit L’Équipe anmerkte.
„Die Leute haben keine Vorstellung davon, wie stark das Niveau gestiegen ist. Meine Generation hat erlebt, wie sich dieser Abstand vergrößert hat. Heute kommen junge Fahrer, die 7 W/kg über 20 Minuten halten können. Früher war man mit 6 W/kg ein guter Fahrer. Heute bist du nur noch ein weiterer Helfer“, erklärte er am zweiten Ruhetag der Tour de France 2026.
3 Etappen bei mehr als 39 Grad
Mehr Leistung zu bringen war das eine, dies unter schwierigeren Bedingungen zu tun, das andere. Die Tour de France 2026 geriet in einen regelrechten Hitzekessel. Während einer Hitzewelle litt das Peloton unter den Temperaturen. Im Schnitt herrschten bei der Grande Boucle 33 Grad. Auf 9 Etappen wurde die Marke von 35 Grad überschritten, auf 3 davon sogar die von 39 Grad. Zur Vorbereitung auf die Tour arbeiteten die Fahrer selbstverständlich an ihrer Hitzetoleranz, vor allem aber auch mit Höhentraining, um die verschiedenen Pässe auf mehr als 1.800 Metern Höhe ohne allzu große Schwierigkeiten bewältigen zu können.
Eine Kontrolle mitten in der Nacht
Zu diesem Widerspruch aus Rekordgeschwindigkeiten und Bedingungen, die körperliche Höchstleistungen eigentlich nicht begünstigen, kam ein weiterer besonders auffälliger Vorgang hinzu: eine regelrechte nächtliche Dopingkontrolle. Sie löste eine ernsthafte Kontroverse aus und wurde von einem Teil der Tour-de-France-Fahrer heftig kritisiert.
In der Nacht vom 18. auf den 19. Juli 2026 klopften Inspektoren der ITA, der Internationalen Kontrollagentur, an die Hoteltüren der beiden Erstplatzierten der Gesamtwertung: Jonas Vingegaard wurde um 2 Uhr morgens kontrolliert, Tadej Pogačar um 5 Uhr.
Grundsätzlich untersagt die Regelung Dopingkontrollen in der Nacht, also zwischen 23 Uhr und 6 Uhr. Diese Vorgabe ist nachvollziehbar, weil sie die Erholung der Fahrer schützt, die entscheidend ist, um über die 21 Etappen der Grande Boucle leistungsfähig zu bleiben. Gleichzeitig kann dieses Zeitfenster aber auch ausreichen, um Dopingmethoden oder -produkte einzusetzen, deren Spuren später nicht mehr im Körper nachweisbar wären.
Die Aktion stieß auf Kritik. Zunächst von den Fahrern wegen der Störung ihres Schlafs, aber auch darüber hinaus: Einige sahen darin einen kommunikativen Schachzug, mit dem die Tour de France zeigen wolle, dass sie die notwendigen Mittel einsetzt, um die Leistungen moderner Fahrer zu legitimieren. Die Anordnung dieser Kontrolle fällt allerdings unter eine strenge, vom französischen Recht geregelte Ausnahme. Vor der Genehmigung muss die Agentur das Vorliegen von „schwerwiegenden und übereinstimmenden Verdachtsmomenten“ nachweisen. Zudem muss eine konkrete Gefahr bestehen, dass Beweise verborgen werden. Schließlich ist ein Richter für Freiheitsrechte und Haft einzuschalten.
Die 3 wichtigsten in Betracht gezogenen Dopingmethoden
Indem die Inspektoren erstmals die gesetzliche Zeitgrenze für Dopingtests überschritten, nahmen sie zwei zentrale Formen des Dopings ins Visier. Die Tests um 2 Uhr und 5 Uhr morgens waren keineswegs zufällig angesetzt. Ziel war es, die Fahrer zu Zeitpunkten zu überprüfen, zu denen sich Hinweise auf Doping bei Methoden mit extrem kurzen Nachweisfenstern – manchmal nur 3 Stunden – noch feststellen lassen könnten.
Eigenbluttransfusion
Ein erster zentraler Dopingverdacht im Radsport – und auch in vielen anderen Sportarten – betrifft die Eigenbluttransfusion. Das Prinzip ist einfach: Zuvor entnommenes eigenes Blut wird wieder injiziert. Damit lässt sich unter anderem die Fähigkeit zur erneuten Sauerstoffversorgung steigern, etwa wenn das zurückgeführte Blut nach einem Höhentrainingslager entnommen wurde. In der Höhe ist der Anteil roter Blutkörperchen im Blut höher, da sich der Körper anpasst und mehr Zellen produziert, die Sauerstoff transportieren können. Diese Methode hinterlässt im biologischen Pass einer Person zwar eine „Spur“, allerdings nur für einen begrenzten Zeitraum.
Mikrodosierung
Eine weitere bedeutende Spur bei den Dopingverdächtigungen ist die Mikrodosierung von Substanzen. Dabei geht es erneut um EPO und Wachstumshormone, deren Wirkungen unterschiedlich sind. EPO, also Erythropoetin, ist ein Glykoproteinhormon, das auf natürliche Weise von den Nieren produziert wird. Es signalisiert dem Knochenmark, mehr rote Blutkörperchen zu bilden, wenn sich der Körper an die Höhe anpasst. Wachstumshormone spielen dagegen vor allem beim Muskelaufbau und bei der Verringerung der Fettmasse eine Rolle.
Die Einnahme von EPO ist im Radsport nicht neu. Gerade der Schock der Festina-Affäre 1998 machte diese Methode öffentlich bekannt. Französische Zollbeamte fanden im Kofferraum des Autos des Teamarztes eine mobile Apotheke mit 200 Ampullen EPO, Wachstumshormonen, Testosteron und Amphetaminen. 2026 könnte EPO erneut zum Thema werden, weil hochmoderne Mittel eine größere Diskretion ermöglichen, darunter biosimilares EPO und Derivate aus Meeresorganismen.
mRNA-Impfstoff
Weitere Verdachtsmomente beziehen sich auf mRNA-basierte „Gentherapien“, also dieselbe Technik, mit der Bevölkerungen gegen die Covid-19-Epidemie „geimpft“ wurden. Im Sport geht es dabei nicht um die Behandlung einer Krankheit, sondern darum, die Genexpression eines Athleten vorübergehend oder dauerhaft zu verändern, um dessen körperliche Fähigkeiten zu maximieren. Im Mittelpunkt steht dabei erneut das EPO-Gen, um auf synthetisches EPO verzichten zu können.
„Der Impfstoff gegen das Coronavirus ist beispielsweise eine Form der Gentherapie. Man bringt mRNA ein, wodurch der Körper dazu angeregt wird, bestimmte Proteine selbst herzustellen“, erläuterte der belgische Forscher Peter Van Eenoo, Leiter des Gentner Dopingkontrolllabors DoCoLab, in der Sendung De Avondetappe. Er fügte hinzu, dass derselbe Vorgang „den Körper dazu anregen könnte, mehr EPO oder Wachstumshormon zu produzieren“.
Um Ausdauer und Leistung zu steigern, gibt es weitere Ansätze über die Stimulation von Genen, die eine Zunahme der Muskelmasse ermöglichen sollen, indem Myostatin blockiert wird. Dieses Protein wirkt als Bremse beziehungsweise negativer Regulator des Muskelwachstums.
Platz 1 an der Alpe d’Huez vor 4 gedopten Champions
Zu den großen Momenten der Tour de France 2026 zählt der historische Anstieg von Tadej Pogačar an der Alpe d’Huez. Auf den 21 Kehren dieses als Hors Catégorie eingestuften Passes holte der Fahrer auf der 19. Etappe die drei Ausreißer ein, die sich untereinander nicht mehr einig waren. Sepp Kuss, Richard Carapaz und der Franzose Lenny Martinez sahen den Slowenen ohne Unterstützung seines Teams allein heranfahren, bevor er 35 Minuten und 27 Sekunden nach Beginn seines Anstiegs die Ziellinie überquerte.
In der historischen Rangliste der schnellsten Fahrer an diesem Pass belegt Tadej Pogačar nun den ersten Platz. Er unterbot einen 29 Jahre alten Rekord mit einem beträchtlichen Vorsprung von 1 Minute und 13 Sekunden. Es war eine historische Leistung vor mehr als 500.000 Zuschauern an den Hängen des Massif des Grandes Rousses. In der Rangliste bleibt jedoch ebenso und vor allem festzuhalten, dass vier dieser Fahrer zugaben, gedopt zu haben: Marco Pantani, Lance Armstrong, Jan Ullrich und Richard Virenque.
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