Über dieses Thema könnte ich stundenlang schreiben oder diskutieren. Nicht falsch verstehen: Den R8 mochte ich sehr, doch Audi hat aus ihm zu wenig gemacht und sein Spektrum letztlich nur um den Verzicht auf die vorderen Antriebswellen erweitert. Der V8 und das manuelle Getriebe? Nach der ersten Generation waren sie Geschichte. 2015 präsentierte Audi einen elektrischen R8 e-tron, einige Jahre davor gab es einen V12-TDI-Diesel-Prototypen – aus beiden Projekten wurde jedoch nichts. Vor allem aber fehlte eines: Wo blieb die kompromisslose Leichtbauversion als Gegner für den 911 GT3?
Audis ungenutztes R8-Rennsportpotenzial
Dabei kann man Audi kaum eine mangelnde Rennsportbegeisterung vorwerfen. Zwischen 2000 und 2014 stehen immerhin 13 Le-Mans-Siege zu Buche; noch unmittelbarer relevant ist allerdings das R8-Kundensportprogramm. Audi Sport hat Hunderte LMS-GT3- und GT2-Rennwagen gebaut. Das Programm existiert nahezu genauso lange wie der R8 selbst, und die Fahrzeuge feierten weltweit grosse Erfolge. Trotzdem schien Audi nie davon auszugehen, dass es einen Markt für einen Rennwagen-Abkömmling mit Strassenzulassung geben könnte. Seltsam.
Wahrscheinlich hätte Audi auch nicht erwartet, diese Idee so perfekt umgesetzt zu sehen. Was hier steht, ist nicht bloss das Spiegelbild eines Rennwagens. Es ist ein Rennwagen – lediglich für die Strasse homologiert. Ihr denkt vielleicht: Solche Umbauten kennt man doch, wenn jemand an einem ehemaligen Le-Mans-Porsche 962 Blinker und Hupe nachrüstet und damit gelegentlich unterwegs ist. Falsch gedacht: Dies ist kein Einzelstück, denn ABT baut 99 Exemplare.
Fotografie: Mark Riccioni
ABT ist zunächst einmal ein Familienname und kein Akronym. Das Unternehmen ist ein unabhängiges Rennteam sowie Anbieter von Tuningteilen für Volkswagen und Audi. Als DTM-Partner von Audi gewann ABT mehrere Meisterschaften und geniesst einen halb offiziellen Status. Das XGT-Projekt stammt vollständig aus eigener Entwicklung – wobei sein Zeitpunkt kaum zufällig wirken dürfte, wie sich noch zeigen wird. ABT nimmt einen dieser 400.000 £ teuren LMS-GT2-Rennwagen und investiert so viel Arbeit in dessen Rückrüstung für die Strasse, dass das Auto nicht mehr mit einer Audi-Fahrgestellnummer versehen ist: ABT ist als Hersteller zertifiziert.
Zwei Jahre brauchte ABT, um die vollständige deutsche TÜV-Zulassung zu erhalten. Es ging dabei keineswegs nur um Blinker und Kennzeichen: Das Fahrzeug musste Crashtests absolvieren. Zweimal. Dazu kamen Vorbeifahrt-Geräuschmessungen sowie vollständige WLTP-Prüfungen zu Emissionen und Verbrauch – 473 g/km CO2 und 13,6 mpg beziehungsweise rund 20,8 l/100 km, falls es interessiert. Kaum zu glauben, dass dieser Heckflügel, die Canards, die wuchtigen Carbon-Flanken und die brutal scharf gezeichneten Lufteinlässe die Strassenvorschriften überstanden haben. Doch genau das haben sie.
Als ich auf den ABT XGT zugehe, entdecke ich keinen Kompromiss. Tür auf, hineinsehen: die Schiebefenster, das Jochlenkrad, der integrierte Überrollkäfig. Noch immer nichts, das auf eine Strassenzulassung hindeutet. Moment – sind das nicht die Klimaanlagen-Bedienelemente des Serienwagens? Und ragen die Kopfstützen der DTM-Rennsitze normalerweise nicht weiter nach vorn?
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Tatsächlich tun sie das. Hier wurden sie gekürzt, um die seitliche Sicht zu verbessern. Also steige ich ein und fahre auf Mallorcas öffentlichen Strassen los. Unter der Haube arbeitet der 640 PS starke, frei atmende 5,2-Liter-V10 des Rennwagens. Gegenüber dem Strassenauto unterscheidet sich der Motor ohnehin kaum; bei Rennwagen ist das Triebwerk jedoch selten das Problem. Diese Rolle übernimmt üblicherweise das Getriebe. Ein sequenzielles, gerade verzahntes Paddleshift-Getriebe schaltet leichtgängig und schnell, ist aber weder kultiviert noch gutmütig: Es taugt nicht für Stadtverkehr und hämmert sich in die Ohren. Der Tausch gegen ein Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe war die grösste mechanische Änderung von ABT – und sorgt dafür, dass sich der Antrieb bei niedrigen Geschwindigkeiten entspannt bewegen lässt.
ABT XGT: Renntechnik mit Strassenmanieren
Zwei weitere wesentliche Eingriffe machen den XGT zu einem uneingeschränkt alltagstauglichen Strassenauto: Der Motor ist nicht länger starr am hinteren Ende der Chassiswanne befestigt, und die Uniball-Gelenke der Aufhängung wurden durch Buchsen ersetzt. Erstens gelangen dadurch deutlich weniger Dröhnen und Vibrationen in den Innenraum. Zweitens lässt sich auf holprigen, von Spurrillen geprägten Strassen fahren, ohne unmittelbar abzufliegen. Zudem musste der XGT auf deutschen Autobahnen stabil und spurtreu liegen.
Das bringt die Sinne in einen merkwürdigen Widerspruch. Vom Fahrersitz aus behaupten die Augen hartnäckig, man sitze in einem Rennwagen – und alle anderen sehen das genauso. Doch Gesäss, Ohren, Füsse und Fingerspitzen melden, dass es überraschend gesittet zugeht. Das Fahrwerk mit vierfach verstellbaren Gewindefahrwerken reagiert geschmeidig und kultiviert, kombiniert trotz minimaler Federwege echten Komfort. Das Getriebe setzt die Gangwechsel makellos um, der Motor ist elastisch und unkompliziert. Als Strassenwagen zeigt er kaum Schwächen. Mit einer Ausnahme: Einer der wichtigsten Gründe, weshalb er 350 kg leichter als ein serienmässiger R8 ist, ist die fehlende Schalldämmung. Zwei Stunden Dauerbeschallung – mehr dürfte kaum erträglich sein. Mit Ohrstöpseln könnte man ihn täglich fahren. Abgesehen von Breitenbegrenzungen und höheren Bodenschwellen.
Warum also überhaupt dieser Aufwand? Weil sich dieses Auto faszinierend fährt. Es handelt sich um einen Rennwagen mit echter Abstammung, brillant für den Strasseneinsatz angepasst. Seine Echtheit erreicht ein zum Tracktool umgebautes Serienauto schlicht nicht. Allerdings entsprechen 598.000 € inklusive Steuern in Grossbritannien etwa 511.000 £. Damit bewegt er sich in der Preisregion eines Ferrari SF90 XX, der mehr als 1.000 PS und eine Hi-Fi-Anlage bietet. Wäre es mein Geld, würde ich trotzdem jederzeit den XGT nehmen. Er fährt sich natürlicher und involvierender; ausserdem besitzt er eine Authentizität, die sonst kein anderes Auto vermittelt.
Der ABT XGT auf der Rennstrecke
Auf der Rennstrecke wird schnell klar, weshalb. Wie ein echter Rennwagen baut er erst Grip auf, wenn die Pirelli-Trofeo-R-Reifen Temperatur haben; Vollslicks sind optional erhältlich. Damit verschwindet das Untersteuern, und das Vertrauen wächst, die Traktion an der Hinterachse auszunutzen. Sie kommuniziert aussergewöhnlich klar. Beschleunigt man hart aus Kurven, spürt man, wie das hintere Differenzial zu sperren beginnt und beide Räder den Wagen nach vorn schieben. Gibt man nun etwas zu viel Gas, schmieren die Reifen nach aussen, doch alles geschieht so kontrolliert und progressiv, dass man das Pedal kaum lupfen muss. Der XGT lässt dem Fahrer Zeit. Alles läuft ruhig und vorhersehbar ab. Es ist der aufregendste, fähigste und fokussierteste R8, den ich je gefahren bin.
Sein Erscheinen ist allerdings bemerkenswert getimt. Ist es Zufall, dass er genau dann kommt, wenn der R8 sich verabschiedet? Daran glaube ich nicht. Vermutlich wollte Audi den R8 vom Markt genommen haben, bevor dieser Wagen ihn vollständig in den Schatten stellen konnte. Was für ein Auto. Ich mag ihn, weil er derart mechanisch und sich selbst treu ist, weil er keine bekannte Grösse darstellt. Der XGT hat etwas Subversives. Schade nur, dass ausgerechnet ABT zeigen musste, was hätte sein können.
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