Wenn Ihnen die langen, meditativen Märsche in Death Stranding gefielen, Ihnen das Ganze aber etwas zu waagerecht war, ist jetzt Ihr Moment gekommen. Cairn ist der jüngste Vertreter eines überraschend gut besetzten Subgenres über Menschen auf langen, schwierigen Reisen, zu dessen jüngsten Höhepunkten auch Baby Steps zählt. Um es direkt zu sagen: Es ist der beste von allen.
Cairn: Klettern bis zum Gipfel des Mount Kami
Als berühmte Bergsteigerin Aava verfolgen Sie ein klares Ziel: Sie wollen den Gipfel des Mount Kami erreichen, einen so gewaltigen Berg, den bislang noch niemand bezwungen hat. Dafür erklimmen Sie Felswände mit einem Klettersystem, bei dem Sie jedes Körperteil einzeln bewegen, Ihre Ausdauer im Blick behalten und Haken einschlagen, an denen Sie Ihre Sicherungsseile befestigen.
Entwickler The Game Bakers findet dabei genau das richtige Maß an Realismus. Aava kann ihren Unterkörper verrenken und sich an halsbrecherischen Griffen festklammern, bei denen Nathan Drake die Hände vors Gesicht schlagen würde. Dennoch wirkt der Aufstieg nie so weit hergeholt, dass er albern würde, während die Gefahr eines Sturzes jederzeit spürbar und nervenzerreißend bleibt.
Über dieses ausgezeichnete Klettersystem, dessen Beherrschung den Großteil Ihrer Zeit beansprucht, legt sich eine Überlebensebene. Sie ist es, die Cairn wirklich auszeichnet: Wenn Sie in einem Zelt kauern und sich auf einem Campingkocher aus unterwegs geborgenen Vorräten einen heißen Kakao zubereiten, fühlt es sich tatsächlich wie ein Abenteuer an. Und zwar wie Ihr ganz eigenes. Sie bestimmen die Routen durch die verschiedenen Bergabschnitte, finden unterschiedliche Gegenstände und entscheiden selbst, wo Sie Ihr Lager aufschlagen. Das besitzt dieselbe behagliche, rotwangige Wärme wie Zelda: Breath of the Wild, wenn Sie ein Lagerfeuer entzünden und für die große Schlacht am nächsten Tag wertsteigernde Spieße zubereiten. Nur kämpfen Sie hier gegen Mutter Natur.
Ein Kletterabenteuer, das auf seine Mechaniken vertraut
Wie erfrischend, ein Spiel zu erleben, das so sicher ist, dass einige wenige hervorragend umgesetzte Elemente genügen, um zu unterhalten. Über den Berg sind weder Tagebucheinträge noch Wollmützen wie Konfetti für künstliche Beschäftigung verteilt – Ubisoft-Open-Worlds, ihr seid gemeint. Die spärliche Handlung wird zudem so dosiert serviert, dass niemand allein weitermachen würde, um den Handlungsbogen aufzulösen. Cairn weiß, dass sein physikbasiertes Klettersystem fesselnd genug ist, um stundenlang bei der Stange zu halten, und dass die daraufgesetzte Überlebensebene perfekt zwischen aufregend und unerbittlich balanciert. Genau wie seine Protagonistin Aava muss es in seinem Selbstvertrauen nichts Weiteres sagen.
Gründe, es nicht zu spielen? Vielleicht klingt es etwas langsam. Vielleicht wirkt das Klettern gerade am Anfang zu schwierig. Oder es scheint nicht die Art Spiel zu sein, aus der Sie in ein paar gestohlenen Minuten zwischen langweiligen Erwachsenenpflichten wie der Vermeidung von Obdachlosigkeit und dem Am-Leben-Halten von Kindern viel herausholen können. Von diesen Einwänden hat nur der letzte wirklich Gewicht.
Ausdauer, Überleben und knappe Ressourcen in Cairn
Die Atmosphäre ist zwar meditativ, doch das Tempo reicht aus, um Sie innerhalb weniger Minuten vom Einführungstutorial auf den gewaltigen Berg zu bringen. Bis dahin haben Sie bereits ein Gefühl dafür entwickelt, wo Arme und Beine platziert werden müssen, damit Sie nicht abstürzen. Geht Ihre Ausdauer zur Neige, beginnen Ihre Gliedmaßen zu zittern, der Herzschlag wird deutlicher hörbar und der Bildschirm zeigt jenen „Du bist gleich tot in Call Of Duty“-Effekt, bei dem sich das Sichtfeld dehnt und die Farben verschwimmen. Das verstehen Sie nach zehn Minuten. Anschließend verbringen Sie zehn Stunden damit, die Grenzen auszuloten, Ihr Glück herauszufordern und für den nächsten Felsabschnitt immer ehrgeizigere Aufstiegsrouten zu wählen.
Überlebensgegenstände sind allerdings etwas rar gesät. Es ist schwer zu schlucken, sich durch einen besonders anspruchsvollen Abschnitt hochzuarbeiten und auf der nächsten ebenen Fläche weder ausreichend Essen noch einen geeigneten Lagerplatz vorzufinden. Das Spiel möchte Sie offenbar in jener Zone halten, in der Sie „gegen alle Widrigkeiten gerade so überleben“. Mitunter setzt es dabei jedoch zu drakonisch an – und dann überleben Sie eben nicht mehr.
Es gibt Momente, in denen die gegenwärtige Spielebranche ideenlos wirkt, besonders wenn man sich auf großbudgetierte Reihen mit mehreren Teilen beschränkt. Spiele wie Cairn liefern das Gegenargument. Es ist so überzeugt vom Reiz seiner Prämisse und von der Qualität seiner Mechaniken, dass es Ihnen einfach die Werkzeuge zur Erkundung in die Hand geben und darauf vertrauen kann, dass Sie sich selbst ein großartiges Abenteuer schaffen. Spiele wie dieses werden uns aus der gegenwärtigen Sackgasse retten. Greifen Sie zu und lassen Sie sich nach oben tragen.
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