Tamara Ivancova ist 24 Jahre alt. Sie hat bereits für die Formel-1-Teams AlphaTauri und McLaren gearbeitet, für die Strassensportwagen-Sparte von Aston Martin sowie für die Motorsportlegende Prodrive. Jetzt hat sie ihre eigene Automobilfirma erdacht und will in einem selbst gebauten Prototypen die Welt bereisen – und retten. Aber klar, liebe Qualitätszeitungen: Erzählt der Welt ruhig weiter, die Generation Z bestehe aus arbeitsscheuen Introvertierten.
„Mein Vater war Rennfahrer“, erzählt sie in ihrer Werkstatt in Southampton. „Ich bin seit meinem dritten Lebensjahr mit Autos und Karts aufgewachsen. Später habe ich angefangen, gemeinsam mit ihm Dinge zu bauen. Wir hatten ein Projektfahrzeug: Wir nahmen ein MR2-Chassis, und ich baute eine neue Karosserie nach meinem Entwurf. Da war ich 12.“
Tamara entschied sich nicht für eine Laufbahn als Rennfahrerin. Wie bei ihrem Vater platzte dieser Traum, als der Sport schlicht zu teuer wurde – obwohl ich ihr vorhalte, dass sie noch immer genügend Zeit hätte, es zu versuchen, nachdem sie schon mehrere erfolgreiche Karrieren hinter sich hat, bevor sie überhaupt alt genug für ein „L“-Schild war. Das nächste Kapitel ihrer Superheldinnen-Geschichte? Ein Schülerpraktikum in der 10. Klasse.
Fotografie: Tom Barnes
„Meine Mitschüler haben Supermärkte kontaktiert“, sagt sie mit finsterem Blick. „Ich dachte: Ich nehme Kontakt zu Formel-1-Teams auf.“ Mit ihrem Wissen im Fahrzeugbau schickte sie Lebensläufe und Anschreiben an sämtliche in Grossbritannien ansässigen Teams – und bekam von mehreren eine Antwort. Toro Rosso, heute Racing Bulls, bot Tamara als Erstes einen Praktikumsplatz an: „Ich war überwiegend im Windkanal, aber an meinem zweiten Tag nahmen sie mich nach Silverstone mit.“ Mit 15, so Tamara, „wusste ich noch nicht genau, welchen Weg ich im Motorsport einschlagen wollte, aber mein Ziel war, ganz nach oben zu kommen. Ich wollte gewissermassen Adrian Newey werden“.
Ihre Geschichte weist tatsächlich Parallelen zu jener von Gordon Murray auf: ein Umzug aus dem Ausland in jungen Jahren, die Überarbeitung eines Sportwagens, um ihn konkurrenzfähiger zu machen, erste Erfahrungen im Rennsport und anschliessend der Einstieg in die Formel-1-Konstruktion. „Die Erfahrung war unglaublich. Als ich an die Universität kam, wusste ich einfach, wie diese Unternehmen funktionieren.
„Es ging nicht nur um technische Einblicke, sondern auch darum, wirklich zu verstehen, wie alles organisiert wird, wo man etwas bewirken kann und wie man vorankommt ...“
Vom Formel-1-Traum zu Amara Automotive
Also frage ich vorsichtig: Weshalb steht sie nun in ihrer eigenen Werkstatt, umgeben von Prototypmodellen eines der CO2-ärmsten jemals erdachten strassenzugelassenen Fahrzeuge? Warum sitzt sie nicht über einem Zeichenbrett oder CAD-Simulationsdaten in Brackley, Milton Keynes oder Maranello?
„Ich arbeitete als Entwicklungsingenieurin bei AlphaTauri, heute ebenfalls Racing Bulls, und befasste mich speziell mit dem Frontflügel. Sehr schnell während dieses Praktikums wurde mir klar, wohin dieser Weg führte. Vereinfacht gesagt, bestand der letztliche Einfluss, den ich haben konnte, darin, ein Auto auf der Rennstrecke um eine Tausendstelsekunde schneller zu machen. Und wenn es regnet oder sich ein Stück Reifen im Frontflügel verfängt, war die ganze Arbeit umsonst!
„Das passte nicht zu dem, womit ich meine Zeit verbringen wollte. Ich hatte damals bereits einige Projekte und erkannte: ,Ich kann alles bauen und entwickeln, was ich möchte. Wofür will ich meine Zeit also einsetzen? Was möchte ich vorantreiben? Was gibt mir einen Sinn?‘“
Tamara gab den Traum-Praktikumsplatz auf – was Racing Bulls seither womöglich mehr als nur ein paar WM-Punkte gekostet hat – und richtete ihren Verstand und ihre Energie auf ihre eigentliche Berufung: „Netto-Null-Emissionen im Verkehr zu erreichen.“ Keine Kleinigkeit also. Nichts weniger als die Dekarbonisierung jedes Strassenfahrzeugs auf diesem Planeten. Ihr Beitrag zu diesem komplexen Problem, das Wissenschaftler, Ingenieure und Politiker weltweit beschäftigt, wirkt auf den ersten Blick verblüffend einfach: das Fahrrad.
Elecy: Das besonders effiziente Elektro-Liegerad
Das Fahrrad mit Pedalantrieb zählt zu den effizientesten Fortbewegungsmitteln, die Menschen je entwickelt haben. Wer zudem aerodynamisch unterwegs sein und den Schwerpunkt absenken will, ist mit einem Liegerad besser beraten. Tamaras Idee heisst Amara Automotive, ihr erstes „Auto“ trägt den Namen Elecy. Stark vereinfacht handelt es sich um ein Elektro-Liegerad mit Tretunterstützung, eingehüllt in eine Karosserie mit extrem niedrigem Luftwiderstand. Diese verfeinerte Tamara im Windkanal der University of Southampton. Zu deren Absolventen zählt auch Adrian Newey.
Tamara erklärt mir ihre Innovationen für Einsteiger. Anders als viele tropfenförmige Solar- und Pedalfahrzeuge mit niedrigem Luftwiderstand hat sie auf vier statt drei Räder bestanden, um die Stabilität zu verbessern. Das Fahrzeug ist vollständig geschlossen und zugleich schmal genug für Radwege. Sein Kofferraum bietet mehr Platz als der eines VW Polo, die elektrische Reichweite beträgt 60–80 km. Der Motor unterstützt bis 40 km/h, doch weil es ein Fahrrad ist, „kann man einfach weiter in die Pedale treten und schneller fahren“.
Das Elecy ist keineswegs bloss Tamaras Abschlussarbeit. Es ist inzwischen ihr Lebenswerk. Sie hat Ersparnisse in das Fahrzeug gesteckt und wirbt um Investoren. 2026 will sie damit zu einer weltweiten Recherche-Reise aufbrechen: „30.000 km durch 21 Länder und über vier Kontinente. Es geht von Southampton nach Helsinki, und die zweite Etappe führt von Kasachstan nach Tokio.
„Wir fahren ungefähr die Hälfte Australiens, an der Südküste entlang bis Sydney, sowie über die gesamte Länge Neuseelands. Und in Nordamerika geht es von Alaska bis ... nun, das hängt von den Sponsoren ab!“
Amara Automotive zwischen Finanzierung und Netto-Null-Verkehr
Wie sie bereits erwähnt hat, lernte Tamara durch ihre Formel-1-Erfahrung über das Geschäft ebenso viel wie über Aerodynamik. Deshalb räumt sie rasch ein, dass selbst diese kleine Nische der Automobilwelt von finanziellen Risiken geprägt ist.
Einer ihrer Wettbewerber, das skandinavische Unternehmen Podbike, ging kürzlich insolvent, nachdem es sein eigenes tiefliegendes, stromlinienförmiges E-Bike nicht auf den Markt bringen konnte. „Sie haben die Produktion verschoben und starteten dann letztlich zu einem völlig anderen Preis“, beobachtet sie.
„Sie versuchten, von einer Reihe von Prototypen auf einige Tausend jährlich produzierte Fahrzeuge zu kommen, um die Nachfrage zu bedienen. Aber das ist sehr schwierig. Hardware ist eine schwierige Sache. Fahrzeuge wie dieses zu einem solchen Preis herzustellen – das Podbike kostete stolze 13.000 € – erfordert Investitionen in Höhe von mehreren zehn Millionen.“
Tamara ist zwar kaum älter als Mitte 20, doch sie sagt, sie treibe der Gedanke an ein Vermächtnis an. „Ich denke langfristig: Das ist nur der erste Weg, um diesen Einfluss zu nehmen. Der erste Weg, Netto-Null zu verwirklichen.“ Deshalb besteht die Karosserie aus einem CO2-armen Verbundwerkstoff, der Gewicht und CO2 einspart und auch über das Elecy hinaus eingesetzt werden kann.
„Das Ziel ist, durch den Verkauf von geistigem Eigentum und Technologie an OEMs zu wachsen, aber es sind auch weitere Fahrzeuge geplant. Die Mission meines Unternehmens besteht darin, den Verkehrssektor zu verändern und einen neuen Standard dafür zu setzen, wie Fahrzeuge entwickelt werden.“ Das ist wohl der ungestüme Antrieb der Jugend. Was die Formel 1 verliert, könnte auf deinem Arbeitsweg zum Gewinn werden ...
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