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Magarigawa Club: Japans luxuriöseste private Rennstrecke

Weißer Porsche 911 mit roten Akzenten und goldenen Felgen fährt auf Rennstrecke bei Sonnenuntergang.

„Das ist im Grunde Jurassic Park … nur mit einer Rennstrecke darin“, flüstert Fotograf Toby, als wir durch die eindrucksvollen Haupttore des Magarigawa Club fahren. Ihre ruhige, gestufte Gestaltung erinnert an einen japanischen Tempel. Zu beiden Seiten unseres gemieteten Subaru ragen steile Felswände aus dem Dschungel empor, während unbekannte Krächzer und Quaken aus dem Unterholz dringen. Für jemanden aus dem Vereinigten Königreich, der windgepeitschte, meist leicht industrielle Streckenanlagen unter kaltem Regen kennt, könnte der Kontrast zu einem nassen Dienstagmorgen in Anglesey kaum grösser sein.

Und doch ist es ein Dienstagmorgen. Nur befinden wir uns gerade auf der anderen Seite der Welt: in Japan, im bereits erwähnten Magarigawa Club. Die private Rennstrecke ist halb exklusiver Kurs eines Bond-Bösewichts, halb Luxus-Spa und wird als „weltweit einziger Luxus-Fahrclub“ vermarktet. Natürlich gibt es in den USA und Europa sogenannte Driving Resorts, doch keines gleicht diesem Ort. Also wollen wir herausfinden, was japanische Supercar-Besitzer tun, wenn sie tatsächlich fahren möchten, statt in einer überfüllten Megastadt bloss zu posieren.

Die Strecke liegt in Minamiboso in der Präfektur Chiba, ungefähr eine Autostunde von Tokio entfernt – oder einen kurzen Helikopterflug. Letzteres wirkt bedeutend, als wir am makellosen Helipad vorbeikommen. Doch das ist längst nicht alles. Entlang der hübsch angelegten unteren Zufahrtsstrasse steht eine moderne, vollständig ausgestattete Tankstelle. Für die Trackday-Enthusiasten bedeutet das weder einen Abstecher zur örtlichen Tankstelle zwischen zwei Turns noch kümmerliche Sandwiches. Direkt daneben befinden sich eine vollwertige Motorsportwerkstatt mit mehreren Hebebühnen und professionell wirkenden Teams sowie ein klimatisiertes Lager für mehrere hundert Fahrzeuge. Nach den ersten drei Minuten wird klar: Magarigawa ist ein absolut ernsthaftes Projekt. Nicht protzig oder auffällig, aber alles atmet diskreten Reichtum – jene Art von Wohlstand, die leise spricht, aber eine tiefschwarze Amex bei sich trägt.

Fotografie: Toby Thyer

Magarigawa Club: Luxus über der Bucht von Tokio

Mit zunehmender Höhe gibt die Strasse erste Blicke auf das Ensemble am Gipfel frei: Gebäude, die traditionelle japanische Förmlichkeit ausstrahlen, ergänzt um einen Hauch modernes Tokio. Durch den Tunnel – dessen Ausgang einen einzelnen Baum wie ein Galeriebild einrahmt – gelangt man ins eigentliche Magarigawa. Und unverblümt gesagt: So lebt die andere Hälfte. Oder, genauer, die anderen 0,01 Prozent.

Das Hauptgebäude stammt von Tatsuya Ogawa des Tokioter Architekturbüros 16A und orientiert sich am Shinden-zukuri, einem Baustil aus Japans Heian-Zeit. Ein Clubhaus auf Entwürfen aufzubauen, die aktuell waren, als das Kalenderjahr noch dreistellig ausfiel, klingt zunächst nach keiner guten Idee. Doch die Verbindung aus Gegenwart und Tradition funktioniert im Magarigawa hervorragend. Zwar thront die Anlage wie eine Krone auf einem Berg, der sich aus dem Dschungel erhebt, aber selbst mit den noch laufenden Bauarbeiten ist das gesamte Areal aussergewöhnlich beeindruckend – inklusive Ausblick über die Bucht von Tokio.

Damit hört es nicht auf. Die Rennstrecke führt auf mehreren Ebenen um das zentrale Clubhaus herum, sodass sich aus wechselnden Perspektiven immer wieder verlockende Kurvenkombinationen und lange Geraden zeigen. Dabei ist es erstaunlich friedlich. Obwohl dies ein ruhiger Tag ist – wir mussten kommen, als keine VIPs die Strecke nutzen wollten –, entsteht nicht der Eindruck, dass Magarigawa jemals überlaufen wäre. Alles folgt diesem diskreten Prinzip: Vor dem Hauptgebäude gibt es ebenfalls keine Parkplätze. Man fährt unter einem schönen, schräg gestellten Portikus vor, verabschiedet Fahrer oder Alltagsauto und betritt anschliessend die Lobby.

Im Inneren wartet ein ausgesprochen opulentes Erlebnis, allerdings ohne den Effekt protziger Goldarmaturen, wie man ihn bei manchen alteingesessenen europäischen Reisezielen erlebt. Es fühlt sich überhaupt nicht wie eine Rennstrecke an. Das Interieur von Joyce Wang ist eher skandinavischer Chic auf Steroiden. Es gibt getrennte Onsen für Männer und Frauen – traditionelle japanische Thermalbäder, gespeist aus beinahe 1.000 m Tiefe –, jeweils mit riesigen Buntglasfenstern. Dazu kommen ein Infinity-Pool mit Blick auf die Bucht, ein erstklassiges Fitnessstudio, ein Yogastudio, Wanderwege sowie eine helle Kinderbetreuung voller Bücher, Spielzeug und Baby-Bugatti-Tretautos, die mehr wert sind als mein Haus. Zen-Gärten, Restaurants, eine Zigarrenbar und ein schallgedämmter Karaoke-Raum gehören ebenso dazu. Sogar einen Hundepark für den eigenen Vierbeiner gibt es – und genau das hat mich besonders gefreut. Das ist Liebe zum Detail.

11 Minuten 14 Sekunden

Der beste Teil folgt jedoch erst noch. In einer riesigen, gewölbten Empfangshalle, die an ein Sieben-Sterne-Hotel erinnert, fallen Anschlüsse an den Säulen auf. Dazwischen stehen Autos, an beiden Enden befinden sich laserbetriebene Rolltore. Das, meine Freunde, sind die Boxen. Keine Ansammlung von Garagen aus Betonsteinen hinter der Start-Ziel-Geraden, sondern ein integraler Teil des Gebäudes – sauberer, heller, stärker klimatisiert und luxuriöser als die meisten Londoner Häuser oder klinisch reinen Ausstellungsräume.

Hier wartet die vom Club gestellte Boxencrew darauf, Reifen zu wechseln, das Fahrzeug mechanisch vorzubereiten und es für den Trackday herauszuputzen. Die Owners’ Paddocks liegen eine Ebene unter dem eigentlichen Clubhaus und sind … noch absurder. Extrem luxuriöse Wohnungen mit eigenen Park- und Garagenflächen, jeweils mit Blick auf die unterhalb verlaufende Strecke, Bereichen für Gäste, Terrassen und Schlafzimmern. Das ist milliardenschweres Auftreten.

Die Rennstrecke des Magarigawa Club

So beeindruckend der zurückhaltende Stil und der Glanz auch sind: Die eigentliche Verlockung und Hauptattraktion ist der Kurs selbst. Wer einen modernen Supersportwagen fährt, bewegt sich schon am oberen Ende des dritten Gangs in einem Bereich, der sozial kaum noch vertretbar ist. Eine dedizierte Rennstrecke braucht es, um zu erkunden und zu verstehen, weshalb man dieses Geld ausgegeben hat. Und nein: Im Track-Modus durch Knightsbridge zu beschleunigen, zählt nicht.

Umso bedauerlicher, dass mir lediglich ein zugegeben recht angenehmer Subaru Levorg STi Kombi als Mietwagen zur Verfügung steht. Für entspannte Fahrten durchaus nett, für die Rennstrecke samt CVT-Getriebe jedoch etwas zu nachgiebig.

Hideto Yasuoka rettet mich. Unser Gastgeber für den Tag ist selbst ein versierter Rennfahrer – mit GT-Autos, diversen Formelklassen und, seltsamerweise, einem Abstecher nach Europa in die Formel Ford. Yasuoka-san ist ausgesprochen charmant, unerschöpflich kenntnisreich und stets höflich. Und er hält mir die Schlüssel zu einem Porsche 911 hin. Allerdings nicht zu irgendeinem 911, sondern zu einem GT3 RS 3.8 von 2011. Weiss mit roten Grafiken, exakt jenes Modell, das ich vor mehr als zehn Jahren getestet habe. Das Auto, das mein Porsche-Erweckungserlebnis auslöste. Schicksal also.

Wir starten den Sechszylinder-Boxermotor, schnallen uns an, rollen beinahe ohne zu bremsen durch die automatischen Tore der Boxen und fahren den Hügel hinab auf die Strecke.

Der Kurs ist keineswegs irgendein Schnellschuss, sondern wurde von Tilke Engineers and Architects geplant – dem Büro des berühmten Formel-1-Streckendesigners Hermann Tilke. Baku City Circuit, Sepang, Istanbul Park, Circuit of the Americas, Jeddah Corniche, Bahrain International und der Stadtkurs Marina Bay in Singapur: Die Liste aus drei Jahrzehnten Motorsport-Kulissenbau liesse sich endlos fortsetzen. Hermann Tilke mag zwar das markante Gesicht des Unternehmens sein, den grössten Teil der praktischen Planung hier verantwortete jedoch sein designierter Nachfolger, Sohn Dr. Carsten. Und er hat hervorragende Arbeit geleistet.

Die 3,5 km von Magarigawa mögen im Vergleich klein wirken, doch sie sind klug konzipiert – und wunderschön. In ein natürliches Tal gezwängt, wurde der Berggipfel im Grunde abgetragen; das Aushubmaterial formte anschliessend die Terrassen des natürlichen V-Profils. Die Strecke zählt 22 Kurven, eine 800 m lange Start-Ziel-Gerade und ein Gefälle von 16 Prozent, während der kumulierte Anstieg eher bei 20 liegt. Der Höhenunterschied beträgt 250 m, fühlt sich jedoch nach noch mehr an. Oben reicht der Blick über die Sagami-Bucht bis zum Fuji, unten ist man in üppiges Grün hinabgetaucht und stürzt in das smaragdgrüne Meer des Dschungels.

[Inline-Galerie]

Und das Ganze hat auf zurückhaltende Weise epische Ausmasse. Man schwingt hinunter in den Wald, stürmt die Geraden entlang und zeichnet seine Linie durch grosszügige Kurven. Es ist ein Spielplatz, dessen Musik aus natürlich atmenden Stuttgarter Blechbläsern besteht. Die Fahrt ist technisch und fordernd; der Ausblick macht sie noch komplexer, denn manchmal nimmt man etwas Tempo heraus, nur um alles in sich aufzunehmen. Der Kurs wirkt sinnvoll und durchweg modern.

Unterstützung fehlt dennoch nicht, denn Sicherheit wird erwartungsgemäss grossgeschrieben. Es gibt breite Auslaufzonen mit hohem Grip, allesamt grün und so gestaltet, dass die Asphaltflächen beinahe getarnt werden, dazu echte Tecpro-Barrieren. Ein virtuelles Streckenpostensystem arbeitet über Bildschirme und Kameras – dezent und unaufdringlich.

Magarigawa ist allerdings keine Rennfahrer-Strecke und wird auch nicht als solche angepriesen. So ungewöhnlich das klingen mag: Der Ort ist fast eine vergoldete Testanlage für Fahrer und Maschinen. Er wird als Road Course bezeichnet, obwohl Magarigawa für Mitglieder auch gesperrte Privatfahrten auf dem nahe gelegenen Hakone Turnpike organisiert, falls die Strasse wirklich eine Strasse sein soll.

Der technische Bergauf-Abschnitt zum Clubhaus ist schmal und kompliziert, mit wenigen Gelegenheiten, einen Gripvorteil in ein Überholmanöver umzusetzen. Leistungsstarke Autos würden kleine, leichte Fahrzeuge auf den Geraden ohnehin zurechtstutzen. Natürlich könnte man dort Rennen fahren, aber die Möglichkeiten sind begrenzt. Was die Strecke stattdessen bietet, ist die Gelegenheit zu lernen – sowohl über die Fahrweise als auch über die mechanische Funktion.

Die Geraden erlauben es, selbst die schnellsten Autos durch die Gänge voll auszudrehen, während die harten Bremszonen die Bremsen bis ans Limit fordern. Einige lange Kurven und Übergänge zeigen, wie gut ein Auto Grip umsetzt, und der bereits erwähnte serpentinenartige Anstieg macht Gewichtsverlagerungen und Übergänge mehr als deutlich. Ein paar Runden in Magarigawa entsprechen einer radiologischen Abteilung für Autos: Innerhalb von Sekunden sieht man durch ein Fahrzeug hindurch. Die Strecke ist eine Achterbahn, ein Vergnügungspark für Leistung und deren Genuss. Und das gesamte Gelände reflektiert Klang auf die bestmögliche Art.

[Weiterführende Empfehlung]

Wie immer bereitet selbst ein nur mässig schneller Porsche hier Freude. Dem GT3 RS fehlt auf den Geraden zwar der brutale Durchzug der Schwerkraft – auch wenn der 3,8-Liter-Motor, der im dritten und vierten Gang bis zur Drehzahlgrenze dreht, weiterhin ein halbreligiöses Erlebnis ist –, doch seine Präzision und Feinfühligkeit in den Kurven faszinieren dauerhaft. Beim Einlenken ganz leicht auf der Bremse bleiben, damit Gewicht auf den Vorderreifen liegt, dann das Auto setzen lassen und erst anschliessend beim Kurvenausgang Leistung anlegen: Das erzeugt ein tiefes Gefühl der Verbindung.

Für weniger erfahrene Fahrer ist dies zugleich ein Ort, an dem sich Grenzen vergleichsweise sicher erkunden lassen, an dem man lernt und besser wird. Fahrertrainings, technische Überwachung und Wiederholbarkeit werden geboten. Man sagt, 10.000 Übungsstunden seien nötig, um ein Experte zu werden, und Magarigawa ist der Ort, an dem man Flugstunden sammeln kann. Falls einem tatsächlich langweilig werden sollte, lässt sich ein anderes Auto ausleihen – dieselbe Strecke wäre mit anderer Technik völlig anders zu erleben. Ein schneller Kompaktwagen kann ebenso viel vermitteln wie ein Supersportler mit Mittelmotor.

Viel zu früh müssen wir zurückkehren: Ein Mitglied ist kurz vorbeigekommen, um seinen REDACTED zu testen, weshalb wir das Rundenfahren beenden müssen. Schade, denn der Magarigawa Club fühlt sich wirklich wie eine Zuflucht für Menschen an, die noch erfahren wollen, wozu ihre Maschinen fähig sind; die ihre automobilen Kunstwerke in Bewegung versetzen und dem gesamten Potenzial einen Zweck geben möchten.

Der Reiz ist leicht nachzuvollziehen. Zwar wurde dieser Ort für Wohlhabende geschaffen, doch er ist als offenerer Raum konzipiert, in den man Familie und Freunde mitnehmen kann. Hier kann man eine neue Generation heranführen, und ungeachtet des Erscheinungsbilds waren bereits einige Besucher mit bescheideneren Fahrzeugen hier oben. Sieht man jedoch über die offensichtliche Opulenz und Exklusivität hinweg, bleibt das Entscheidende: Es ist ein Ort für Autos, geschaffen von Menschen, die sie lieben. Sie lieben sie nur mit etwas grösseren Geldbeuteln als die meisten anderen.

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