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Trump, FIFA und Balogun: Wenn Macht das Spiel bestimmt

Fußball, zwei Schachfiguren und Wahlurne auf Tisch mit Rennbahn im Hintergrund.

Der Fall Folarin Balogun und die FIFA

Ein Anruf von Donald Trump genügte offenbar, damit die FIFA etwas tat, was es bei einer Weltmeisterschafts-Endrunde seit 1962 nicht mehr gegeben hatte: Sie hob eine nach einer Roten Karte verhängte Sperre wieder auf. Der Vorgang um Folarin Balogun wirft eine alte, zunehmend drängende Frage auf: Dienen Sportverbände noch dem Sport – oder in erster Linie der Macht?

Manche Entscheidungen sprechen deutlicher als jede offizielle Mitteilung. Am Sonntag annullierte die FIFA die automatische Sperre für Folarin Balogun, den besten Torschützen der USA bei dieser Weltmeisterschaft. Der Stürmer war im Spiel gegen Bosnien vom Platz gestellt worden. In einer WM-Endrunde hatte es seit 1962 keine vergleichbare Entscheidung gegeben. Die Begründung scheint jedoch nicht allein im Regelwerk zu liegen. Auch ein Telefonat spielte offenbar eine Rolle.

Donald Trump rief Gianni Infantino an und ersuchte um eine Überprüfung der Strafe. Kurz darauf korrigierte die FIFA ihren Entscheid tatsächlich. Der US-Präsident bedankte sich öffentlich, lobte den Weltverband und streute zugleich Zweifel an der Leistung des Schiedsrichters. Er nutzte seinen Einfluss nicht bloss – er stellte ihn demonstrativ zur Schau.

Damit rückt die grundlegende Frage wieder in den Mittelpunkt: Wozu ist ein Sportverband eigentlich da?

Theoretisch soll ein Verband den Sport fördern und schützen, den Nachwuchs ausbilden, jungen Menschen Chancen eröffnen, die Regeln verteidigen und sicherstellen, dass für alle dieselben Vorgaben gelten. Vom grossen Stadion bis zum staubigen Bolzplatz müsste sein Auftrag derselbe sein: dem Spiel und denjenigen zu dienen, die es ausüben.

In der Realität werden Verbände jedoch allzu oft zu etwas anderem. Aus Heimstätten des Sports werden Machtzentren. Ein Posten in einem Verband kann den Zugang zu Auszeichnungen, Logen, Reisen, Verträgen, politischer Nähe und nützlichen Beziehungen verschaffen. Der Sport bleibt dabei die Kulisse. Die eigentliche Währung heisst Zugang zur Macht.

Wenn Sportverbände zu Machtzentren werden

Die jüngere Geschichte liefert genug Beispiele. Die FIFA unter João Havelange war von Bestechungsvorwürfen überschattet. Im Jahr 2015 wurde der Verband durch einen Korruptionsskandal erschüttert, in dessen Zusammenhang die US-Justiz Dutzende Funktionäre anklagte. Dabei ging es um Fernsehrechte, Sponsoring und die Vergabe von Wettbewerben. Auch das Internationale Olympische Komitee schloss Mitglieder aus, weil sie im Austausch für Stimmen für Salt Lake City Geschenke angenommen hatten. Die Vergaben der Weltmeisterschaften an Russland und Katar waren von Vorwürfen des Stimmenkaufs begleitet. Im Fall Katar kam zudem die Tragödie der Migranten hinzu, die bei den Bauarbeiten für die Stadien ums Leben kamen.

Der Fall Trump-Balogun ist nicht aus dem Nichts entstanden. Er zeigt lediglich besonders unverblümt eine seit Langem bekannte Logik. Die FIFA eröffnete ein nahezu leeres Büro im Trump Tower; die Miete kam dabei dem Unternehmensumfeld der Familie des US-Präsidenten zugute. Infantino schuf sogar einen „Friedenspreis“, den er Trump überreichte – nur wenige Monate bevor die Vereinigten Staaten den Iran bombardierten, dessen Nationalmannschaft ebenfalls bei der Weltmeisterschaft vertreten ist. Nähe zur politischen Macht gilt nicht länger als peinlich. Sie ist zur Methode geworden.

Das Schwerwiegendste an diesem Vorgang ist womöglich nicht allein das Nachgeben. Noch beunruhigender ist, wie selbstverständlich es geschah. Trump verbarg seine Rolle nicht, sondern prahlte damit. Er dankte der FIFA dafür, „das Richtige zu tun“, und eine von ihm als „grosse Ungerechtigkeit“ bezeichnete Entscheidung zurückgenommen zu haben. Wenn sich ein Regierungschef damit rühmt, eine Disziplinarentscheidung bei einem internationalen Wettbewerb beeinflusst zu haben, ist das kein Zeichen von Stärke. Es ist das Eingeständnis einer gefährlichen Vorstellung: dass Institutionen dazu da sind, auf Anrufe der Mächtigen zu reagieren.

Trump, FIFA und der Vergleich mit Cristiano Ronaldo

Für Portugiesen hat die Geschichte einen besonders bitteren Beigeschmack. Im November wandte die FIFA denselben Artikel 27 an, um die Sperre von Cristiano Ronaldo abzumildern. Ronaldo war nach einem Ellbogenschlag gegen Irland des Feldes verwiesen worden, durfte dadurch aber beim Auftaktspiel Portugals dabei sein. Manche führen diesen Fall an, um die Angelegenheit um Balogun zu relativieren. Der Vergleich entlastet jedoch niemanden. Im Gegenteil: Er verschärft das Problem.

Es ist das eine, wenn eine Disziplinarkommission Vorgeschichte und Umstände berücksichtigt, um eine Sanktion zu verringern. Etwas vollkommen anderes ist es, wenn ein Verband nach der direkten Bitte eines Staatsoberhaupts nachgibt – und diesem Staatsoberhaupt dann ermöglicht, sich öffentlich mit dem Ergebnis zu brüsten.

Die letzte Ironie ist brutal: Es brachte nichts. Mit Balogun auf dem Platz verloren die Vereinigten Staaten gegen Belgien mit 4:1 und schieden aus. Trump beugte die FIFA, demütigte die Institution – und gewann nicht einmal das Spiel.

Die Integrität des Spiels steht auf dem Spiel

Der Fussball wird diese Weltmeisterschaft überstehen. Fast immer übersteht er solche Episoden, weil er grösser ist als seine Funktionäre. Fraglich ist vielmehr, ob die Verbände das Bild überstehen, das sie weiterhin von sich zeichnen: Institutionen, die bereit sind, die Integrität des Spiels gegen Mieteinnahmen in Manhattan, ein Foto in der Loge und einen Platz in der Nähe der Mächtigen einzutauschen.

Am 19. wird Infantino den Pokal für den Weltmeister überreichen. Doch es lohnt sich, nicht zu vergessen, wer in diesem Sommer scheinbar ausserhalb des Spielfelds gepfiffen hat.

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