Eine Entscheidung, die vielleicht die Gemüter von Spielern beruhigt, die ihre Nerven nicht im Griff haben.
Der IFAB (International Football Association Board), der seit 1886 die Fußballregeln festlegt, hielt vor zwei Tagen, am 28. April, unmittelbar vor dem FIFA-Kongress eine ungewöhnliche Sitzung in Vancouver ab. Das Gremium billigte zwei neue Disziplinarregelungen, die womöglich schon bei der Weltmeisterschaft in diesem Jahr gelten könnten. Schiedsrichter sollen unter anderem einen Spieler mit Rot bestrafen dürfen, wenn er sich bei einer verbalen Auseinandersetzung den Mund zuhält oder aus Protest gegen eine Entscheidung den Platz verlässt. Für all jene, die den harten Mann markieren, ohne die Verantwortung dafür zu tragen, und bei gekränktem Ego vom Rasen flüchten, ist damit Schluss.
Zwei Skandale führen zu zwei neuen Regeln
Mit dieser Entscheidung reagiert der IFAB auf zwei Vorfälle, die in den vergangenen Monaten soziale Netzwerke und Sportverbände in Aufruhr versetzt hatten.
Der erste ereignete sich im vergangenen Februar in der Champions League. Gianluca Prestianni von Benfica wurde von Vinicius Jr. von Real Madrid beschuldigt, ihm rassistische Beleidigungen zugerufen und dabei seinen Mund mit dem Trikot verdeckt zu haben, damit seine Worte nicht zu erkennen seien.
Prestianni bestritt die Vorwürfe zunächst, wurde jedoch wegen homophober Äußerungen, die er letztlich einräumte, für sechs Spiele gesperrt. Obwohl Beschimpfungen laut Fußballreglement ausdrücklich verboten sind, herrscht in der Praxis eine gewisse Straflosigkeit: Solange der Schiedsrichter nichts hört und Kameras keine Lippen lesen können, können Spieler ihre Hemmungen fallen lassen.
FIFA-Präsident Gianni Infantino, der nicht gerade für Zurückhaltung bekannt ist, verlangte umgehend härtere Strafen – und wurde offenbar erhört. Wer künftig einen Fall wie Prestianni nachahmen will, riskiert eine Rote Karte und den sofortigen Gang in die Kabine.
Der zweite Vorfall hatte einen anderen Hintergrund. Erinnern Sie sich an das Finale des Afrika-Cups 2025: Nachdem Marokko kurz vor Schluss einen Elfmeter zugesprochen bekommen hatte, verließen die wütenden senegalesischen Spieler und ihr Betreuerstab aus Protest den Platz. Angeordnet hatte dies Pape Thiaw, der Nationaltrainer des Senegal.
Das Spiel wurde für 15 Minuten unterbrochen; währenddessen kam es zu Auseinandersetzungen am Spielfeldrand und auf den Rängen. Senegal kehrte schließlich zurück und gewann nach Verlängerung, doch der Afrikanische Fußballverband annullierte dieses Ergebnis und sprach Marokko den Sieg zu. Für den IFAB darf sich ein solcher Vorgang nicht wiederholen: Wer die Arena verlässt, um zu protestieren, oder seine Mitspieler dazu auffordert, soll dieselbe Strafe erhalten. Rote Karte und ab unter die Dusche. Die Maßnahme richtet sich ebenso an Teamoffizielle wie Trainer und Mitglieder des Betreuerstabs. Verursacht eine Mannschaft absichtlich auf irgendeine Weise den Abbruch einer Partie, verliert sie das Spiel durch Forfait.
Der IFAB hat die Anwendung dieser neuen Regeln in anderen Wettbewerben bislang nicht verpflichtend vorgeschrieben. Jeder Veranstalter kann daher selbst entscheiden, ob er sie übernehmen möchte. Es ist jedoch anzunehmen, dass die europäischen Ligen die Erfahrungen bei der Weltmeisterschaft in diesem Sommer sehr genau verfolgen werden, bevor sie diesen Schritt selbst gehen.
Die Einschätzung von Presse-citron
Die Absicht, das Spiel zu bereinigen, ist zwar begrüßenswert. Doch was passiert mit einem Spieler, der den Platz verlässt, weil das Publikum rassistische Gesänge gegen ihn anstimmt? Wird auch er wegen seines Protests des Feldes verwiesen? Das betrifft Spieler wie Mike Maignan vom AC Milan, der 2024 während eines Spiels den Platz verließ, weil Idioten auf der Tribüne Affengeräusche machten. Ähnliches widerfuhr 2020 Moussa Marega vom FC Porto durch Anhänger von Vitória Guimarães; zusätzlich wurden Sitze aus den Rängen auf ihn geworfen. Die Regel unterscheidet bislang nicht zwischen demjenigen, der protestiert, und demjenigen, der verfolgt wird. Es wäre wünschenswert gewesen, wenn der IFAB diese Fälle berücksichtigt hätte, um die Vorgabe genauer einzuordnen.
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