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Warum man Fahrradfahren nicht verlernt

Vater fährt Fahrrad, Kind lernt Radfahren mit Stützrädern, Mutter begleitet im sonnigen Park.

Sicher haben Sie schon einmal Ihren Haus- oder Autoschlüssel verlegt, obwohl Sie ihn fünf Minuten zuvor noch in der Hand hatten. Selbst wenn Sie jedoch jahrelang nicht Rad gefahren sind, reichen ein paar Pedaltritte aus, damit die gewohnten Bewegungsabläufe zurückkehren. Das mag überraschend wirken, ist aber völlig nachvollziehbar.

Sofern Sie nicht regelmäßig mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren oder als Radsportfan keine Tour de France verpassen, können Monate oder sogar Jahre vergehen, bis Ihre Hände wieder einen Fahrradlenker greifen. In dieser Zeit geraten unzählige Erinnerungen in Vergessenheit. Sobald Sie aber wieder aufsteigen, sind Sie auf den ersten Kilometern vielleicht noch etwas unsicher, doch das Vertrauen kehrt sehr schnell zurück. Weder die Tretbewegung noch die richtige Körperhaltung zum Halten des Gleichgewichts müssen Sie sich bewusst ins Gedächtnis rufen: Ihr Körper kennt sie bereits. Weshalb behandelt das Gehirn diese Fähigkeit so besonders?

Prozedurales Gedächtnis: der Verbündete beim Fahrradfahren

Dieses Phänomen ist so geläufig, dass daraus die Redewendung „Fahrradfahren verlernt man nicht“ entstanden ist. Sie vermittelt den Eindruck, wir verfügten über besonders robuste neuronale Verschaltungen, die uns daran hindern, grundlegende motorische Fähigkeiten zu verlieren. Vereinfacht gesagt trifft das zu: Unser Gehirn speichert nicht sämtliche Erinnerungen am gleichen Ort und auch nicht auf dieselbe Weise.

Dr. Andrew Budson, Neurologe an der Boston University, unterscheidet drei große Formen des Langzeitgedächtnisses. Das semantische Gedächtnis umfasst Fakten und Konzepte, etwa das Wissen, dass man mit einem Schraubendreher Schrauben festzieht oder dass Katzen keine Hunde sind. Das episodische Gedächtnis bewahrt dagegen Erlebnisse, die an einen bestimmten Ort und Zeitpunkt gebunden sind. Hinzu kommt das prozedurale Gedächtnis: Es speichert Fähigkeiten, die automatisiert ablaufen – Gehen, Zähneputzen, Schuhe zubinden, Schwimmen und, worum es hier geht, Fahrradfahren.

Warum das prozedurale Gedächtnis so dauerhaft ist

Entscheidend ist hier diese letzte Gedächtnisform. Sie nutzt besondere Hirnstrukturen, vor allem die Basalganglien und das Kleinhirn. Diese unterscheiden sich deutlich von den Bereichen, die beteiligt sind, wenn Sie sich an einen Termin im Kalender oder ein Geburtsdatum erinnern. Anatomisch betrachtet widerstehen sie dem Zahn der Zeit wesentlich besser, und ihre synaptischen Netzwerke bauen sich selbst ohne regelmäßiges Üben weit langsamer ab.

Ein einziges Mal im Leben aufs Fahrrad zu steigen, genügt selbstverständlich nicht: Die betreffenden neuronalen Schaltkreise müssen oft genug aktiviert werden, damit sie sich festigen. Sobald das Gelernte ausreichend verankert ist und diese Netzwerke im Gehirn aufgebaut wurden, bleiben sie sehr lange erhalten – abgesehen von besonderen Fällen wie Erkrankungen oder Unfällen.

Evolution und automatische Bewegungsabläufe

Aus evolutionsbiologischer Sicht begünstigte die natürliche Selektion die Festigung dieser Hirnschaltkreise, die unsere motorischen Funktionen zuverlässig aufrechterhalten. Mussten unsere Vorfahren beispielsweise vor einem Raubtier fliehen und dafür rasch auf einen Baum klettern oder sich schwimmend entfernen, durfte keine dieser Bewegungen davon abhängen, dass sie sich bewusst daran erinnerten. Zwar müssen wir heute glücklicherweise weder einen Säbelzahntiger noch den Angriff eines Wollnashorns fürchten, doch Millionen Jahre Selektionsdruck haben Spuren hinterlassen. Ein kleiner, nicht eingeforderter Bonus der Evolution, der uns sehr zugutekommt, wenn wir nach monatelanger Pause wieder aufs Fahrrad steigen.

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