Während die French Open in vollem Gange sind, flammt erneut die Debatte über die Verteilung der Einnahmen zwischen Turnieren und Spielern auf. Hinter den millionenschweren Stars verbirgt sich jedoch eine deutlich härtere Realität.
Zu den Konfliktthemen der French Open 2026 gehört die Einnahmenverteilung. 2025 unterzeichneten Vertreter der ATP- und WTA-Weltranglisten-Top-20 gemeinsam einen Brief an die vier Grand-Slam-Turniere – Australian Open, French Open, Wimbledon und US Open. Darin forderten sie eine deutliche Erhöhung ihres Anteils an den Erlösen. Bis 2030 sollen 22 % der Grand-Slam-Einnahmen an die Spieler ausgeschüttet werden, so wie es bei den regulären Turnieren der ATP- und WTA-Tour bereits üblich ist. „Wir haben nie eine echte Antwort erhalten“, erklärte Weltranglistenerster Jannik Sinner.
Die Zahlen stützen die Argumentation der Spieler. Die Einnahmen der French Open lagen 2025 bei mehr als 400 Millionen Euro; 2026 dürfte diese Marke übertroffen werden. Die gesamte Preisgeldsumme dieser Ausgabe beträgt jedoch 61,7 Millionen Euro, also rund 15 % der Umsätze. Aus Sicht der Spieler ist das zu wenig, und nach ihren Berechnungen könnte der Anteil sogar leicht darunter liegen. Befürworter verweisen zudem darauf, dass die NBA ihren Athleten knapp 50 % ihrer Einnahmen auszahlt. Dieses Argument lässt sich nur schwer entkräften.
Hinter dieser Diskussion steht allerdings ein tiefer gehendes Problem, das den gesamten Tennissport betrifft. Für die Hunderte Profis außerhalb der Weltspitze sind 15 % oder 22 % lediglich eine Randnotiz. Für sie geht es vielmehr darum, finanziell bis zum Jahresende durchzukommen. Entgegen einer verbreiteten Annahme garantiert eine Profikarriere im Tennis kein hohes Einkommen – ganz im Gegenteil.
Profi-Tennis: ein extrem kostspieliger Sport
Anders als Fußballer oder Basketballspieler erhalten Tennisspieler kein festes Gehalt. Profis auf der ATP Tour und der WTA Tour verdienen ihr Geld durch Turnierergebnisse und Sponsorenverträge. Einen Verein als Arbeitgeber oder eine monatliche Gehaltsabrechnung gibt es nicht: Wer Geld verdienen will, muss Matches gewinnen.
An der Spitze fangen Sponsoren diese Unsicherheit mehr als auf. Carlos Alcaraz kommt laut Forbes beispielsweise auf mehr als 48 Millionen US-Dollar Jahreseinkommen aus allen Quellen im Zeitraum von September 2024 bis August 2025. Mehr als zwei Drittel davon stammen aus Werbeverträgen. Solche Fälle bleiben jedoch die Ausnahme.
Spieler zwischen Rang 150 und 300 der ATP- oder WTA-Weltrangliste können abhängig von ihren Ergebnissen auf der Challenger-Tour oder in den Qualifikationen großer Turniere mit 50.000 bis 150.000 Euro Preisgeld pro Jahr rechnen. Auf diesem Niveau sind Sponsoren selten oder gar nicht vorhanden. Jenseits der Weltranglistenposition 300 wird die Lage noch schwieriger.
Neben den ungewissen Einnahmen sehen sich Spieler mit enormen Kosten konfrontiert. Ein Tennisprofi braucht ein eigenes Team oder teilt sich dieses mit anderen Spielern: Trainer, Arzt, Physiotherapeut und Osteopath, gegebenenfalls auch Athletiktrainer und Mentalcoach. Während eines Turniers trägt er die Ausgaben für Anreise und teils auch Unterkunft und Verpflegung selbst, sofern der Veranstalter ihn nicht einlädt.
Die Summen sind beträchtlich. Branchenangaben zufolge können Unterkunft, Verpflegung und Reisen eines Profis inklusive Team mehrere Tausend Euro pro Turnierwoche kosten. Zwar übernehmen Turniere das Hotelzimmer des Spielers, nicht aber die Unterbringung seines Teams. Ein Trainer mittleren Niveaus kostet Schätzungen zufolge mindestens 46.000 Euro Jahresgehalt; häufig kommt eine Beteiligung von 10 % am Preisgeld hinzu. Insgesamt übersteigen die jährlichen Kosten für eine minimale Betreuung problemlos 90.000 Euro, zusätzliche Flugtickets nicht eingerechnet.
Hinzu kommt die Ausrüstung: Schläger, Besaitungen – ein guter Spieler lässt seine Schläger mehrfach wöchentlich neu bespannen –, Kleidung und Schuhe. Bei einem Spieler mit vollständig besetztem Team, etwa um die Top 100, können die Turnierkosten bis zu 65 % aller Ausgaben ausmachen, also ungefähr 300.000 Euro jährlich. Außerhalb der Top 250 fallen die Beträge geringer aus, ihr Anteil bleibt jedoch bemerkenswert hoch. Selbst ohne großes Team verschlingen die unvermeidbaren Reise- und Übernachtungskosten oft den Großteil der Einnahmen.
Das Beispiel Dan Added
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2021 war Dan Added ein 22-jähriger französischer Spieler auf etwa Weltranglistenplatz 430. Damals trat er auf der zweitklassigen ITF-Tour und bei Challenger-Turnieren an. Diese Wettbewerbe bilden den Unterbau des Profi-Tennis und finden weit entfernt von der Aufmerksamkeit der ATP-Haupttour statt. Sein damaliges Jahresbudget zeigt beispielhaft, in welcher Lage Tennisprofis außerhalb der Elite stecken:
- Geschätzte Einnahmen: rund 20.000 € Preisgeld pro Jahr
- Geschätzte Ausgaben: rund 40.000 € (Reisen, Unterkunft, Trainer)
- Nettoergebnis: -20.000 €
„Diese Einnahmen decken die Reise- und Übernachtungskosten, aber danach muss ich noch meinen Trainer bezahlen“, erklärte er damals. 20.000 Euro Preisgeld im Jahr entsprechen dem Betrag, den ein Spieler für das Ausscheiden in Runde eins eines einzigen Masters 1000 wie Paris-Bercy erhält. Zunächst muss man sich dafür allerdings qualifizieren.
Der weitere Karriereverlauf von Dan Added ist besonders aufschlussreich. Nach einem Jahr 2024, das von einer Depression und dem Absturz auf Weltranglistenplatz 520 geprägt war, wechselte der Elsässer im September 2024 seinen Trainer und nahm sich Zeit für den Neuanfang. Zwischen März und dem Ende der Saison 2025 gelang ihm sein erster Sieg gegen einen Top-100-Spieler. Zudem erzielte er vier seiner fünf besten Siege, stand in drei Challenger-Endspielen und gewann zwei Titel.
Trotzdem liegt seine beste ATP-Einzelplatzierung heute bei Rang 194 der Welt. Er hat es damit geschafft, vom Tennis zu leben – allerdings weit entfernt von Glanz und Glamour.
French Open 2026: die Illusion des Preisgelds
Die Rekorddotierung der French Open 2026 von 61,7 Millionen Euro sorgt für Schlagzeilen. Doch was bleibt für jene Spieler, die in der Qualifikation antreten?
Eine Niederlage in der ersten Qualifikationsrunde bringt 24.000 Euro ein. Wer in der dritten und letzten Qualifikationsrunde ausscheidet, ohne das Hauptfeld zu erreichen, reist mit 48.000 Euro ab. Das mag nach einem sehr hohen Betrag klingen. Doch nach Flug, einer Hotelwoche in Paris und den Kosten für den Trainer – falls man sich dessen Mitreise überhaupt leisten kann – fällt die Bilanz negativ aus.
Vor allem setzen diese 24.000 Euro voraus, dass die Weltranglistenposition bereits für die Grand-Slam-Qualifikation reicht, sofern keine Wildcard vorliegt. Für Spieler jenseits der Ränge 200 bis 250 bleibt selbst die Qualifikation unerreichbar. Ihr Alltag spielt sich überwiegend auf der ITF-Tour ab: deutlich kleiner dotierte Turniere in allen Teilen der Welt, bei denen nach Abzug der Kosten manchmal nur noch einige Dutzend Euro übrig bleiben.
Im Mai 2021 veröffentlichte die damals auf Rang 410 geführte Französin Sara Cakarevic ihre Abrechnung nach dem Ausscheiden in der ersten Qualifikationsrunde eines ITF-Turniers in Prag. Nach Steuern und Meldegebühren blieben ihr 2,25 Euro. Ironischerweise rundete das Turnier sogar auf 2 Euro ab. „Danke an die ITF für den kostenlosen Kaffee“, schrieb sie damals auf ihrem Instagram-Konto.
Baseline-Programm und Wildcards
Angesichts der finanziellen Probleme von Spielern im Mittelfeld führte die ATP 2024 das Baseline-Programm ein, das den besten 250 Spielern der Rangliste ein jährliches Mindesteinkommen zusichert:
- Top 100: 300.000 $ garantiert
- 101.–175.: 150.000 $ garantiert
- 176.–250.: 75.000 $ garantiert
Das Konzept ist einfach: Erreicht ein Spieler diese Schwellen nicht über sein Turnierpreisgeld, gleicht die ATP die Differenz aus. „Diese Absicherung wird es Spielern ermöglichen, ihre Saison mit größerer Sicherheit zu planen, sich auf ihr Spiel zu konzentrieren und in ihr Team zu investieren“, erklärte die Organisation.
Theoretisch stellt dieses Programm einen großen Fortschritt dar. Praktisch ist die Bilanz für 2024 ein Eingeständnis des Scheiterns. Über das gesamte Jahr zahlte die ATP insgesamt nur 1,3 Millionen US-Dollar an 26 Spieler aus. Lediglich 17 Spieler erhielten Unterstützung, weil sie ihren garantierten Schwellenwert nicht erreichten, 3 über den Verletzungsschutz und 7 als Investition in den Nachwuchs.
Für Spieler unterhalb von Weltranglistenplatz 250 – also für die überwiegende Mehrheit der Profis – gibt es dieses Sicherheitsnetz nicht.
Wildcard bei den French Open
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Dass sich Spieler aus den hinteren Regionen des Feldes auf dem Sandplatz von Roland Garros hervorheben können, insbesondere Franzosen, verdanken sie dem Wildcard-System. Diese besondere Einladung vergeben Turnierveranstalter an Spieler, deren Ranglistenposition normalerweise keine Teilnahme erlauben würde.
Bei den French Open werden acht Wildcards für das Hauptfeld sowie weitere für die Qualifikation vergeben. Der französische Tennisverband FFT entscheidet über die Verteilung anhand einer Mischung aus aktueller Sandplatzform, Ranglistenplatz und nationaler Präferenz. Für Letzteres gilt eine unausgesprochene Regel: Sechs der acht Hauptfeldplätze gehen an Franzosen. Bei der Ausgabe 2026 konnten Gaël Monfils und Stan Wawrinka dank dieser Einladungen ihre letzten French Open spielen, während junge Talente wie Moïse Kouamé ihren allerersten Grand Slam erlebten.
Finanziell ist eine Wildcard ein Geschenk. Eine Einladung ins Hauptfeld sichert mindestens 87.000 Euro – das Preisgeld für die erste Runde der French Open 2026 –, selbst bei einer Niederlage im ersten Match. Für einen Spieler um Weltranglistenplatz 300 bis 400, der an ITF-Turniere mit wenigen Tausend Euro Dotierung gewöhnt ist, lassen sich damit in nur einem Turnier mehrere Monate Einkommen absichern.
Eine Wildcard bleibt jedoch eine Gefälligkeit und kommt pro Turnier nur einer Handvoll Spieler zugute. Für die Hunderte anderen Profis im breiten Mittelfeld der Welttour kann keine Einladung durch einen Veranstalter Monate verlustreicher Reisen ausgleichen.
Angesichts all dieser Faktoren geht man in der Branche davon aus, dass es ab Weltranglistenplatz 300 sehr schwierig ist, gut vom Tennis zu leben. Jenseits dieser Grenze leben Tennisspieler in prekären Verhältnissen, weil ihre Jahresbilanz dauerhaft negativ ist.
Nur ein verschwindend kleiner Teil der Spieler kann seinen Sport komfortabel finanzieren. Für die große Mehrheit ist es ein ständiger Kampf, Einnahmen und Ausgaben in Einklang zu bringen. Jahr für Jahr geben Talente wegen fehlender finanzieller Mittel auf. Für diese Spieler kann eine Verletzung das Ende bedeuten. Der Preis der Leidenschaft.
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