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Portugal muss Sport als tägliche Bewegung begreifen

Geschäftsfrau in Anzug und Turnschuhen läuft in belebtem städtischem Platz mit spielenden Kindern im Hintergrund.

Das Land ist aufgestanden. Nicht, weil es plötzlich beschlossen hätte, sich zu bewegen, sondern weil Weltmeisterschaftszeit ist. Auf den Plätzen stehen Großbildschirme, Arbeitszeiten werden hastig angepasst, und unser Alltag gerät mit dem Anpfiff in den Wartestand. Neunzig Minuten lang, mit dem Blick über den Atlantik gerichtet, kann Portugal Gemeinschaft sein. Wir leiden gemeinsam, umarmen Fremde und schlagen in einem geteilten Augenblick Wurzeln.

Der Realitätsschock folgt, sobald der Bildschirm schwarz wird. Unsere Begeisterung für das Spiel war nie das Problem – bei der Weltmeisterschaft 2022 waren sieben von zehn eingeschalteten Fernsehern auf die Spiele der Nationalmannschaft eingestellt. Sport begeistert uns wirklich. Beunruhigen sollte uns jedoch das Schweigen, das im Alltag einsetzt. Während bei Spielen Millionen elf Spieler bejubeln, prallt unsere tägliche Realität auf die ernüchternden Zahlen des Eurobarometers: 73 % der Bevölkerung treiben keinerlei Sport; fast drei von vier Portugiesen leben bewegungsarm. Portugal ist das bewegungsärmste Land Europas. Das ist nicht bloß ein Aspekt der öffentlichen Gesundheit, sondern ein Fehler im nationalen Konzept. Es zeigt ein Land, das gelernt hat, Bewegung zu feiern, ohne sie in eine Kultur zu verwandeln.

Wer sich an einen bewegungsarmen Alltag gewöhnt, verliert nicht nur Kondition, sondern auch Lebensqualität. Die Menschen werden kränker, erschöpfter und zwangsläufig ungleicher. Ein unbewegter Körper verursacht hohe Kosten: für die Gesundheit, die Wirtschaft, die Schule und unser Zusammenleben. Und wie so oft trifft diese Rechnung jene am stärksten, die am wenigsten haben.

Bewegungsmangel in Portugal ist eine gesellschaftliche Aufgabe

Hier geht es nicht um Meinungen, sondern um Fakten. Die Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der OECD sind eindeutig: Würden die Europäer die Empfehlung von 150 Minuten körperlicher Aktivität pro Woche erfüllen, ließen sich in der Europäischen Union jährlich mehr als 10.000 vorzeitige Todesfälle vermeiden und rund acht Milliarden Euro an Gesundheitskosten einsparen. Die Rechnung ist nüchtern und sollte für jede politische Entscheidung maßgeblich sein: Jeder Euro, der in die Förderung von Bewegung investiert wird, bringt durchschnittlich 1,7 Euro an direkten wirtschaftlichen Vorteilen zurück.

Die Folgen dieser Bewegungsarmut reichen jedoch weit über den Körper hinaus und treffen unser gesellschaftliches Gefüge tief. Nur 15 % bis 20 % unserer Kinder und Jugendlichen finden heute einen Platz in Sportvereinen oder im Schulsport. Damit lassen wir in der Praxis die große Mehrheit zurück. Genau hier verspielen wir eine einmalige Chance. Denn Sport besitzt die besondere Fähigkeit, Menschen zusammenzubringen, die sich in keinem anderen Umfeld begegnen würden, und eine gemeinsame Sprache aus Regeln, Einsatz und Zugehörigkeit entstehen zu lassen. Er ist das wirksamste Mittel, das wir gegen Isolation haben. Darüber hinaus sind Sport und das damit verbundene Vereinsleben zentrale Formen gesellschaftlicher Teilhabe, die für den Aufbau einer geschlosseneren und bewussteren Gemeinschaft unverzichtbar sind.

Deshalb darf Sport nicht länger nur als hübsches Beiwerk für Festtage und Momente nationaler Euphorie gelten. Er muss mit der Konsequenz behandelt werden, die seine Funktion verlangt: als übergreifende Politik für Gesundheit, Bildung, Produktivität und vor allem sozialen Zusammenhalt. Wenn Sport uns an Tagen des Erfolgs vereint, muss er uns auch an gewöhnlichen Tagen tragen.

Sport und Bewegung als strategische Aufgabe am Arbeitsplatz

Am Arbeitsplatz bleibt die Debatte über die Gesundheit der Beschäftigten verzerrt. Körperliche Aktivität wird oft als nette Zusatzleistung oder als kosmetisches „Extra“ betrachtet, als wären ein Fitnessstudio-Rabatt und der Austausch einer Krankenversicherung gegen einen Monatsbeitrag gleichwertige oder sich gegenseitig ausschließende Lösungen. Diese vereinfachte Sichtweise verkennt, dass Gesundheit ein untrennbares Ganzes ist.

Die Aufgabe besteht darin, endlich anzuerkennen, dass Programme für körperliche Aktivität am Arbeitsplatz – mit geschützter Bewegungszeit während der Arbeitszeit, echter Unterstützung für aktive Mobilität und einer geeigneten Infrastruktur – keine Kosten, sondern eine strategische Investition sind. Die Datenlage ist klar: Bewegung senkt Fehlzeiten, wirkt psychischer Erschöpfung entgegen und schafft für Unternehmen einen positiven, messbaren Ertrag. Portugal hat mit der Zulassung steuerlicher Abzüge für Ausgaben für körperliche Aktivität bereits ein Zeichen der Offenheit gesetzt, doch dabei darf es nicht bleiben. Nun braucht es den Ehrgeiz, aus der Ausnahme die Regel zu machen und Bewegungsförderung dauerhaft als echte Politik der betrieblichen Gesundheit zu verankern – eine Politik, die Beschäftigte wertschätzt und die nationale Produktivität schützt.

Schule als Ausgangspunkt für mehr Bewegung

Der Mittelpunkt dieses Paradigmenwechsels muss die Schule sein: der Ort, an dem Gewohnheiten entstehen und Bewegungsmangel aufgehalten werden kann, bevor er chronisch wird. Finnland zeigt mit seinem Programm „Schools on the Move“, dass es eine wirksame Alternative gibt. Mehr aktive Pausen auf dem Schulhof, Bewegungsunterbrechungen im Unterricht, die Förderung von Fuß- und Radwegen zur Schule sowie Maßnahmen gegen übermäßiges Sitzen haben im finnischen Bildungssystem nicht nur die körperliche Gesundheit der Schülerinnen und Schüler verbessert, sondern auch Konzentration und Lernergebnisse deutlich gesteigert. Sport und körperliche Aktivität dürfen nicht weiter eine Randpause zwischen den „ernsthaften“ Fächern sein. Sie müssen wieder ins Zentrum der Bildung rücken – als unsere wichtigste Grundlage für Bürgersinn, Gesundheit und Disziplin. In der Schule formen wir das Land, das wir haben wollen; deshalb muss Bewegung dort vom ersten Tag an als Fundament einer gesünderen Zukunft gelten.

Portugal beginnt nicht bei null. Es gibt ein Rahmengesetz für körperliche Aktivität und Sport, nationale Strategien im Einklang mit den WHO-Leitlinien und sogar steuerliche Regelungen, die – wenn auch zögerlich – den Wert von Bewegung anerkennen. Was fehlt, ist der politische Mut, von der Tribüne herunterzusteigen und die Beschlüsse aus Berichten in geschützte Zeit, sichere öffentliche Räume, echte Anreize und eine Haushaltspriorität zu übersetzen, die Sport als die öffentliche Aufgabe behandelt, die er ist.

Bald ist die Weltmeisterschaft vorbei. Die Hymne verstummt. Die Euphorie lässt nach, und das Trikot wandert zurück in die hinterste Schublade. Doch das Land, das nach dem Fest wieder still wird, bleibt bestehen und wartet auf eine Entscheidung, die ebenso einfach wie grundlegend ist: Wollen wir Sport weiter als Spektakel für den schnellen Konsum beklatschen, oder wollen wir ihn endlich mit der Ernsthaftigkeit behandeln, die jemand an den Tag legt, der weiß, dass er unser gesellschaftliches Gefüge retten kann?

Es reicht nicht, nur am Spieltag vom Sofa aufzustehen, um die Hymne zu singen.

Wir müssen den Mut haben, jeden Tag aufzustehen – in der Schule, bei der Arbeit, auf der Straße: für unsere Gesundheit und unser Glück.

Denn ein Land, das seine Fähigkeit zur Bewegung nur entdeckt, wenn der Ball rollt, hat die Größe seiner eigenen Kraft noch immer nicht verstanden.

Diese Meinungsrubrik entsteht aus einer Partnerschaft zwischen Geração E und der Associação Próxima Geração. Próxima Geração ist ein überparteilicher zivilgesellschaftlicher Verein, der die demokratische Beteiligung junger Menschen fördert. Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten liegen ausschließlich in der Verantwortung des Autors und spiegeln nicht zwangsläufig die Position des Vereins wider.

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